Showdown am Brandenburger Tor

"Oh mein Gott." Bröckmann starrte völlig fassungslos auf die Menschenmenge, die sich am Brandenburger Tor versammelt hatte. Was auch immer passiert war, während er durch die nun tote Justizministerin abgelenkt gewesen war, es hatte eine immense Tragweite. Auf riesigen Leinwändern sah er Informationen über Skandale mit dem Verfasungsschutz flimmern, irgendwo tanzte ein Mädchen mit ein paar Verfassungsschützern Lambada, andere kifften, tranken aus Eimern Rotwein oder tanzten einfach nur.
"Was ist hier denn los?", schrie Löffler entgeistert und kämpfte sich durch die Menge.

Sie schnappten Informationsfetzen auf, man drückte ihnen Flugblätter in die Hand und selbstgemachte Hamburger oder Bierflaschen. Bröckmann überflog die Informationen. Was immer die Haushaltsdaten auch hergaben, es war sowieso egal geworden. Das SEK und der Verfassungsschutz hatten - als man sich trotz ihres weitergehenden Streikes weigerte, sie zu bezahlen - alle Informationen über das Abhören der Bevölkerung veröffentlicht, was zu Tumulten geführt hatte. Peter Einschlag, der Verteidigungsminister, hatte scheinbar noch versucht, etwas zu retten, war aber daran gescheitert, dass die Panzer mit einer Wegfahrsperre ausgerüstet waren, deren Code er nicht knacken konnte. Die Handfeuerwaffen dagegen waren zu alt, als dass man sie benutzen konnte. Wie Bröckmann las, hatten Einschlag und ein paar Minister dann selbst zu den Waffen gegriffen, als die Kanzlergattin zusammen mit Katja Burkweich und anderen Ullas versucht hatte, das Brandenburger Tor einzureißen. Dabei waren sowohl die Ullas, die Selbstmordattentatskinder als auch die Ministerriege ums Leben gekommen. "Friendly fire halt," murmelte Bröckmann und trank von dem Bier. Wellie streichelte seinen Nacken.

Löffler konnte es nicht glauben. Ganter von Baronreuth stand tatsächlich neben dem Super-Clemens, beide sahen irgendwie ganz fröhlich aus, und als sich von Baronreuth umdrehte, sah Löffler auch den Grund. Zwei junge Frauen in Dirndln eilten auf die beiden zu, beide trugen Bierkrüge.
"Katja Burkweich wollte ihn umbringen, und dann kam Super-Clemens mit den beiden Frauen, die er in Kenia getroffen hatte. Eine von denen ist diese Hotelerbin - Du weißt schon, die mit dem Porno... jedenfalls hat Super-Clemens sie geheiratet, und ihre Freundin hat sich in Baronreuth verknallt und ihm einen Adelstitel gekauft.", klärte ihn Wellie auf, der Bröckmann gar nicht mehr loslassen wollte. "Die Regierung wurde aufgelöst, das Nachwuchs-SEK ist zu den Hippies übergelaufen und spielt mit denen Counterstrike, der Verfassungsschutz verteilt Informationen über Bespitzelung etc.".
"Es gibt keine Regierung mehr." Löffler setzte sich hin und griff nach einer Bierflasche. "Worüber soll ich denn jetzt schreiben? Und für wen?"
Grafartos schubste sich an ihm vorbei, zusammen mit der Korinthe war er an vorderster Front, genauso wie Peter Mütze.
Löffler schloss die Augen.

"Wir kommen zu spät... viel zu spät." Oscar fuhr einfach mit seinem Käfer durch die Hinterlassenschaften der viertägigen Fete, die am Brandenburger Tor stattgefunden hatte. "Keine Regierung mehr, keine Währung..." Er hielt seinen Wagen an und sah Löffler auf einer Mauer sitzen. Der Redakteur schien noch immer wie betäubt.
"Hartmut P. und sein Verein haben eine provisorische Regierung gebildet.", sagte er, als er die Spin Doctress sah. "Sie will insbesondere die Bürgerrechte achten, gegen Softwarepatente sein, und natuerlich wird es das Bürgergeld geben. Oder gar kein Geld, da ist man nicht so sicher. R. Stratmann ist Kommunikationsminister geworden und Enrico W. C.E.O. von was auch immer. Titty de la Puss hat Henry Chestnut geheiratet, und es gibt einen "Ziele und Methoden"-Ausschuss... wofür auch immer."
Oscar sah ihn an, er öffnete eine der Champagnerflaschen, die sie auf dem Weg gestohlen hatten. Genug halb geplünderte Geschäfte gab es ja.
"Was machen wir denn jetzt?", fragte er mutlos. "Ich kann doch nicht ganz von vorne anfangen und die Bürgerrechte einschränken. Das dauert zu lange, ich bin keine 20 mehr sondern 70 und-"
Die Spin Doctress strich über sein graues Haar. "Vielleicht gibt es irgendwo noch ein Land, in dem jetzt schon viele Bürgerrechte eingeschränkt sind?", meinte sie tröstend. "Du könntest da ja anfangen - dann ist es nicht so viel Arbeit."
Löffler nahm die Champagnerflasche, die sie ihm hinhielt. Erst jetzt sah er den Ring am Finger der Spin Doctress.
"Wir sind verlobt.", meinte die Datenschützerin und wurde flammendrot.
"Verlobt? Aber-" Löffler brach ab und trank. Es war ja jetzt auch egal. Jetzt, da alles anders geworden war.
Oscar nahm seinerseits eine Flasche und wandte sich an seine Verlobte. "Würdest Du mitkommen?"

Sie sah ihn verliebt an. "Natürlich," meinte sie, "ich kann doch dann versuchen, die Bürgerrechte zu retten. Ich meine... das wäre doch kein Problem für Dich, oder?"
Der Innenminister, der jetzt keiner mehr war, schüttelte den Kopf. "Solche unterschiedlichen Einstellungen sind doch sehr anregend."
Sie hielten sich Arm in Arm, und Löffler stand auf, stieß mit ihnen an und seufzte.
"Wohin Sie auch beide gehen... meinen Sie, es gibt dort Platz für einen Redakteur?"
"Oh bitte, Oscar.", meinte die Spin Doctress.
Der Innenminister lächelte. "Wir haben immerhin noch mein Konto in der Schweiz und auf Barbados. Notfalls kaufen wir einen Posten", sagte er. "Wenn es meine Kleine hier glücklich macht..."
Löffler schloss die Augen und sandte ein Dankesgebet gen Himmel. "Übrigens," er wandte sich direkt an die Spin Doctress, "na ja, Sie wissen schon... ich hab noch immer wenig Geld und vielleicht wollen Sie ja mit mir die Freuden..." Er brach ab. "Na ja, mein Wasserhahn leckte, als ich das letzte Mal in meiner Wohnung war, und da musste ich daran denken, dass nicht nur er leckt. Ich meine..."
Die Spin Doctress sah ihn fassungslos an. "Das war die schlechteste Anmache schlechthin. Da war ja die erste von Ihnen noch besser."
"Ich übe noch," gab er beleidigt zurück, "ich habe nämlich meinen Ratgeber verloren."

Und so stritten sie darüber, wer nun mit wem heute ins Bett gehen würde und warum. Ein ehemaliger Innenminister, voller Saft und Kraft trotz seiner 70 Jahre, eine humpelnde Datenschützerin und ein Redakteur, übernächtigt, verwirrt und dennoch optimistisch was die Zukunft anging. Arm in Arm gingen sie zu Oscars Käfer, später würden sie seinen Helikopter nehmen und das Land verlassen. Und während die Spin Doctress und der Innenminister sich innig küssten, legte Löffler eine Hand auf den Po der Datenschützerin, trank vom Champagner und dachte an seine Exklusivstory über alles, was hier passiert war. Er würde sie "Henry läuft" nennen. Und es würde keinen Teil 57 geben, das wäre geheimnisvoller...

- THE END -


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