Interessenskonflikte auf dem Rastplatz

"Ich muss auf Toilette." Die Spin Doctress seufzte.
"Mir egal", knurrte der Innenminister, obwohl ihm nicht ganz wohl dabei war. Aber, verdammt, er wollte kein Weichei sein.
"Soll ich in Ihren Käfer hier...?"
"Ganz bestimmt nicht." Oscar fuhr weiter.
"Also, entweder... oder," beharrte die Spin Doctress, "übrigens hab ich meine Tage und-"
"Davon will ich nichts hören."
"Wieso nicht? Sie stehen doch sonst auf Blut, Schweiß und Tränen.", meinte die Spin Doctress säuerlich. "Auf jeden Fall muss ich auf Toilette."
"Ich werde Sie nicht alleine gehen lassen. Ich komme mit."
"Ja, klar... Ich gehe doch nicht mit Ihnen aufs Klo. So eine bin ich nicht."
"Wenn ich nicht mitkomme, laufen Sie weg. Und ich brauche eine Geisel."
"Wofür eigentlich?"
"Das geht Sie nichts an.", meinte er brüsk und fragte sich, was er tun sollte. Was würde Bruce Willis tun? Oder Vinnie Benzin? Verdammt, in den Actionfilmen passierte so etwas nicht. Geiseln mussten nicht aufs Klo. "Wir gehen gemeinsam."
"Oh Mann!" Sie verdrehte die Augen. "Von mir aus stellen Sie sich vor die Kabine."
"Pinkeln Sie draußen," meinte Oscar barsch, "seien Sie ein Mann."
"Ich bin aber kein Mann."
Hm, Punkt für sie, diese Besserwisserin. Oscar stöhnte auf und blinkte, um auf einen Rastplatz zu fahren. "Beeilen Sie sich."
"Jaja..." Die Spin Doctress stürzte aus dem Wagen und auf eine Toilette zu. Sie schmiss die Tür hinter sich zu und überlegte, was sie tun sollte. Sie konnte nicht laufen, also konnte sie Oscar auch nicht entkommen, was immer er auch mit ihr tun wollte. Ihr Handy, genau wie ihr Geld, waren in ihrer Handtasche in Bröckmanns Panda. Sie hatte keine Chance. Vorsichtshalber pinkelte sie wirklich und verließ dann die Toilette. Wider Erwarten stand der Innenminister nicht vor der Toilette, er saß vielmehr auf dem Fahrersitz des Käfers, hatte die Augen geschlossen und hielt eine Dose in der rechten Hand. Er sah irgendwie traurig aus, und einen Moment lang sah ihn die Spin Doctress nur an, betrachtete sein Gesicht im Schein der fast ausgehenden Lampe auf der Raststätte.

"Ich bin fertig."
Oscar zuckte zusammen und verschüttete etwas vom Doseninhalt. "Na endlich.", knurrte er betont wütend.
"Kann ich auch etwas trinken?"
Er reichte ihr eine Dose. "Cola mit Whiskey."
"Am Steuer?"
"Na und? Ich bin Innenminister, ich darf das. Wer soll mich denn anhalten oder anzeigen? Die Polizei? Die unterstehen mir."
"Na toll..." Sie öffnete ihre Dose und sah in die Nacht hinaus. "Warum machen Sie das alles eigentlich?", fragte sie.
"Was alles?"
"Na, warum sind Sie immer noch Innenminister? Sie könnten doch längst in Rente gehen."
"Ich bin noch zu knackig, um in Rente zu gehen," meinte er schroff, "und zu aktiv. Übrigens sowohl körperlich, geistig als auch sexuell"
"Na, darauf wette ich."

"Kann ich etwas dafür, dass niemand daran Interesse zeigt?" Er zerdrückte die Dose in seiner rechten Hand. Morgen würde er wieder eine Sehnenscheidentzündung bekommen, aber das war es wert. "Ich bin ein harter Hund, klar?"
Sie verdrehte die Augen. Beide tranken weiter. Oscar öffnete den Kofferraum des Käfers. Er bot kaum Platz, aber für Getränke reichte es. Er warf ein paar Dosen auf den Schoss der Spin Doctress.

"Eigentlich darf ich Ihnen gar nichts sagen.", meinte der Innenminister ein paar Stunden später. Bröckmann war bereits vor einer Stunde in seinem vollbesetzten Panda an ihnen vorbeigefahren, sein "Po-li-ti-hik" klang der Spin Doctress noch in den Ohren. "Immerhin sind Sie so eine dieser paranoiden, bombenbauenden, langhaarigen, kommunistischen LSD rauchenden Datenschützerinnen."
Er verschwieg, dass fast 90 Prozent der Geheimnisse von Verfassungsschutz und Polizei bereits veröffentlicht worden waren, nachdem das SEK keine Gehaltserhöhung bekommen hatte. Das Innenministerium war bereits mit Klagen überschwemmt worden, nachdem das wahre Ausmaß der Überwachung bekannt geworden war. Das war allerdings an der Spin Doctress vorbei gegangen. Sie hatte mit Bröckmann genug zu tun gehabt.
"Gibt es in diesem Wagen auch Musik?"
"Ich habe sogar einen CD-Player einbauen lassen." Oscar drückte auf einen Knopf und "Die Moorsoldaten" begann. "Wollen wir tanzen?"
Die Spin Doctress trank ihre x-te Dose aus und stieg aus. Oscar stieg ebenfalls aus und hielt ihr die Hand hin. "Slowfox..." meinte er betont, obwohl er keine Ahnung hatte, was Slowfox war.
Als das nächste Lied begann, diesmal ein kleiner Marsch, hielt Oscar die Spin Doctress noch immer im Arm. Beide froren, beide hielten ihre Dosen in der freien Hand. "Sternenhimmel."
Oscar zuckte die Schultern. "Und wahrscheinlich zig Spionagesatelliten."

Er sah sie an. "Ich werde ganz bestimmt nichts mit einer Datenschützerin anfangen," meinte er, "da könnte ich ja gleich eine Terroristin ausführen."
"Na ja, immerhin haben sie welche verteidigt."
"Ich habe hier einen Interessenskonflikt." Oscar sah auf sein Kryptohandy. Es blinkte - jemand versuchte ihn zu erreichen. Aber er hatte keine Ahnung, auf welchen Knopf er drücken musste, um das Gespräch anzunehmen. Die Spin Doctress lächelte und drückte auf den größten Knopf. "I may be small, I may be sweet..." kam es aus dem Handy, gefolgt von lauten Flüchen. Dann kam die Stimme des verzweifelt klingenden Verteidigungsministers, der von Gefahren, von Krawallen, Demonstrationen etc. schrie.
Oscar schloss die Augen. "Niemand würde etwas für mich tun," sagte er schleppend, "niemand. Ich dachte, wenn ich nur wirklich ein harter Hund wäre, dann-"
"Also, für Dich würde ich sogar eine Sicherheitsnadel tragen.", hauchte die Spin Doctress und sah Oskar Capsicum voller Leidenschaft an. Der Innenminister schmolz dahin. Statt mit irgendwelchen Muskeln zu prahlen (das konnte jeder Blödmann) holte er sein zweites Kryptohandy hervor. "Das ist übrigens eines der teuersten Modelle," meinte er, "und sehr klein und handlich." "Aber ich wette, dass nicht alles bei Dir sehr klein und handlich ist.", flüsterte die Spin Doctress vielsagend und ließ ihre Hand über das Kryptohandy gleiten.
Dem Innenminister wurde immer heißer. Mit einem Ruck zog er die Jacke seines Armani-Anzuges aus. "Lass uns nicht länger zögern," meinte er heiser, "wer weiß, vielleicht plant in diesem Moment schon jemand das nächste Attentat, vielleicht wird jeden Moment ein Wahnsinniger sein Flugzeug in unser Liebesnest steuern. Auch ich kann nicht für grenzenlose Sicherheit sorgen."
"Oh, ich weiß. Aber nur bei Dir fühle ich mich sicher." Langsam, aufreizend langsam, zog sie den Reißverschluss ihres Kleides auf. "Ich habe nichts zu verbergen, Oscar, ich-"
Er starrte sie an. Das war es... das war genau wie in seinem Traum. Es war nicht zu fassen, sein Traum wurde wirklich wahr. Er stellte das Kryptohandy ab - Verteidigungsminister Einschlag sollte sehen, wie er klar kam. Dies war jetzt seine Stunde...

Showdown am Brandenburger Tor


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