Revival des Ossimobils

"Manni!" Hübschbohm riss den Verkehrsminister am Kragen zurück. "Mach Dich nicht unglücklich, Mann."
Trautnichte wühlte im zerstörten Wrack des Ossimobils, die verzweifelte Hoffnung, seine Videokamera noch zu finden, hielt ihn aufrecht, als er ein leises Schnauben hörte, gefolgt von einem nicht gerade sehr erotischen Stöhnen. Trautnichte schreckte auf. "Manni..."
Auch Stumble hatte es gehört, er ließ den Bolzenschneider fallen und stürzte zu seinem Ossimobil, das sich nun langsam - wie einst "Christine" im gleichnamigen Stephen King Film - wieder instand setzte. "Recovery Modus," hauchte das Ossimobil, und Manni Stumble stürzte auf den Fahrersitz. Trautnichte hechtete in das Mobil und grabschte weiterhin nach seiner Videokamera, während Hübschbohm sich in einem seltenen Moment der Humanität (das kam manchmal selbst bei Innenministern vor) vor McBreit warf. Er ahnte, was passieren würde. Und tatsächlich - das Ossimobil schloss die Türen, flackerte gefährlich mit den Scheinwerfern und nahm dann in einer irrsinnigen Geschwindigkeit Kurs auf McBreit. Rot13 riss Titty aus dem Weg und dann gab es nur noch Schreie und Lärm.

"Oh mein Gott," Bröckmann stürzte aus seinem mit Alufolie ausgekleideten Panda, "was zum Teufel ist hier..." Er brach ab, als er das Ossimobil sah, das mit einem erleichterten "Ich habe mich gerächt." nun endgültig starb. Verdammt, dachte Bröckmann, ich hab nicht einmal eine Kamera dabei. Das hier glaubt mir doch wieder keiner, wenn ich darüber schreibe. Im Forum werden sie meinen Artikel verreißen und mal wieder darauf rumhacken, dass ich ab und an mal Räucherstäbchen rauche...
Titty de la Puss lag noch immer in Rot13s Armen, sie weinte. Immerhin war ihr Make-Up völlig zerstört. Bröckmann ging auf sie zu, besann sich aber im letzten Moment darauf, dass auch Wellie im Panda gewesen war. Dieser kletterte gerade mühsam aus dem Wagen und eilte zu seinem momentanen Gefährten, gefolgt von der Spin Doctress, der es nicht gelungen war, Eggie loszuwerden. "Warum müssen wir eigentlich Bröckmann helfen?", fragte er mürrisch. "Hast Du was mit ihm?"
Die Spin Doctress schwieg und starrte auf die Szene der Verwüstung vor sich. Sie steckte die Hände in die Taschen ihres schwarzen Mantels und fragte sich, was zum Teufel hier los gewesen war.
"Verdammt, das ist McBreit.", meinte Bröckmann heiser, als er eine der Leichen untersuchte.
"Mann, die langhaarigen Frickler werden echt froh sein.", murmelte die Spin Doctress und schüttelte den Kopf. McBreit, der Verkehrsminister, ein zerstörtes Ossimobil... was würde wohl als nächstes kommen?

"Rot13!!!" Titty und Rot13 schreckten gleichzeitig auf, und Titty, die gerade in einen heißen Kuss versunken gewesen war, blinzelte entgeistert, als zwei abgehalftert aussehende Leute mit einem Rucksack voller Flaschen auf Rot13 zustürzten. "Rot13! Du musst mir helfen, bitte."
Titty ließ Rot13 los und sah den ältlichen Rapper an. Gütiger Himmel, sie hatte lange keine so traurige Gestalt gesehen. Aber er war auch irgendwie süß und- Titty seufzte leise, und als der Rapper sie ansah, war es endgültig um sie geschehen.
"Ich habe hier Daten, die Du unbedingt entschlüsseln musst. Ich meine-"
"Die nehmen wir.", unterbrach eine Stimme Chestnut, und aus dem Dunkel der Nacht tauchte der Innenminister auf, sein Kryptohandy modisch um den Hals gehängt. Auch wenn das Ding nicht mehr funktionierte, es sah immer noch gut aus. Und er wollte verdammt sein, wenn es ihm nicht gelang, endlich diese verdammten Daten wieder zu bekommen.
Chestnut zuckte zusammen, und langsam begann sein Gehirn wieder zu funktionieren, als Titty auf ihn zuging und ihn küsste. Der Innenminister reagierte zu spät, ihre Lippen berührten sich bereits, und Tittys Augen weiteten sich, als sie wieder einen Intelligenzschub bekam. "Du bist der Finanzminister."
"Und ich will diese Daten."
Matthias Gedicht und Chestnut starrten auf die Waffe in der Hand des Innenministers. "Aber-"
Doch Oscar hatte ihnen bereits den Rucksack mit den DVDs entrissen. Er brauchte eine Geisel. Er brauchte unbedingt eine Geisel. Zwar war ihm nicht ganz klar warum, aber in den Filmen hatte jeder eine Geisel, der eine Waffe hielt. Das hier war die Gelegenheit, sich als harter Hund zu zeigen. Er sah sich um. Bröckmann würde er ganz bestimmt nicht nehmen, und mit Wellie hatte er schon genug zu tun gehabt - ein Liberaler als Geisel, das fehlte noch. Er sah auf die Gestalt in Schwarz. Weiblich, geschminkt, trägt Ohrringe... genau das Richtige. "Du kommst mir mit.", meinte er und winkte mit der Waffe. Ein Schuss löste sich, denn Oscar hatte lange nicht mehr Schießen geübt. Trautnichte, dem es gelungen war, sich schwer verletzt aus dem Ossimobil zu befreien, sackte zusammen.

Oscar zuckte die Schultern und ließ die Waffe auf die Frau gerichtet. "Mitkommen," er deutete auf seinen Wagen, einen gepanzerten Käfer, "los."
Eggie jaulte auf. Das fehlte noch - der Innenminister entführte die Spin Doctress. Die beiden würden bestimmt etwas miteinander anfangen und...
Die Spin Doctress folgte dem Innenminister in den Käfer. Irgendwie hatte ihr Verständnis für die Situation ausgesetzt, sie sah Wellie und Bröckmann mit irgendeinem bulligen Kerl kämpfen, der aussah wie Vinnie Benzin (und es, wie die Spin Doctress später feststellen würde, wirklich war) und Löffler, dem es endlich gelungen war, den Panda zu verlassen, auf Bröckmann starren. Dann schlossen sich die Türen des Käfers und sie war allein mit dem Innenminister und seiner Knarre. "Wir fahren jetzt nach Berlin," sagte Oscar, "und dann werden diese verdammten Daten vernichtet."

Rot13 sah dem Käfer nach und blickte dann zu Vinnie Benzin, der aufgehört hatte, sich mit Bröckmann zu prügeln. Scheinbar war seine bezahlte Zeit als Kämpfer abgelaufen, und Vinnie Benzin war da sehr genau. Er hatte nichts zu verschenken. Gleichzeitig stürmte Fabian Löffler auf Bröckmann zu und fragte, was zum Geier passiert sei. Wellie schüttelte verzweifelt den Kopf. Es war alles umsonst gewesen. Alles vorbei. Die Daten waren endgültig verloren, niemand würde ihnen die Story mit den gefälschten Haushaltsdaten der Regierung glauben, nicht einmal auf "Weitdorf" hätte man darüber schreiben können. Unmöglich.
Rot13 lächelte Titty de la Puss zu, die gerade die letzten Piercings aus Henry Chestnuts altem Gesicht entfernte und die offenen Löcher mit Küssen bedeckte. Matthias Gedicht hatte sich entfernt und sammelte wieder Flaschen auf.
"Herr Bröckmann..." Rot13 näherte sich vorsichtig.
Bröckmann drehte sich um. Sein Gesicht war eingefallen.
"Ich... ich habe da etwas für Sie, denke ich."
Bröckmann schüttelte den Kopf. "Es gibt nichts mehr, was mich interessiert," meinte er dumpf, "das hier hätte mein großes Werk werden können, mein Meisterwerk. Es hätte selbst die WC-Verschwörung geschlagen. Jetzt werde ich mich nur noch mit Diskussionsrunden und mit Glossen auf "Weitdorf" über Wasser halten müssen. Vielleicht muss ich sogar über irgendwelche Schauspieler schreiben und-"
"Diese Daten..." unterbrach Rot13 vorsichtig.
"Diese Daten waren die Haushaltsdaten. Die echten Haushaltsdaten!", schrie Löffler. "Und nun..."
Rot13 hielt etwas hoch, das wie eine Mischung aus Rührlöffel, mp3-Stick und einem Laserschwert aussah. "Das hier ist mein Longderfidre."
"An Ihren sexuellen Gepflogenheiten sind wir wenig interessiert." entgegnete Löffler säuerlich, während Wellies Augen über das Gerät flogen.
"Nein, nein. Longderfidre steht für Long Distance RFID-Reader. Und es sieht so aus, als wären die Daten nicht wirklich auf DVDs gewesen sondern auf irgendwelchen großformatigen RFID-Chips. Und der Reader hier... hat sie ausgelesen."
"Nein.", hauchte Bröckmann.
"Doch," entgegnete Rot13.
"Nein," hauchte Wellie.
"Doch," sagte Rot13.
"Nein.", hauchte Löffler.
"Oh," sagte Henry Chestnut.

"Sind die Daten denn sicher?"
"Nein, verschlüsselt.", meinte Rot13, und Löffler brach schnell die Diskussion ab, bevor sie wieder wie sein Gespräch mit Grafartos ausartete. "Sie können sie entschlüsseln?"
"Also, ehrlich gesagt... die sind gar nicht verschlüsselt.", sagte Rot13 leicht verwirrt. "Sie sind nur mit einem Vermerk: Diese Daten sind kopiergeschützt und dürfen nicht kopiert und verbreitet werden. versehen."
"Mrs. Law." Wellie begann zu grinsen. "Verdammt, sie muss sich darauf verlassen haben, dass die Kopierschutzgesetze rechtzeitig durchkommen und deshalb niemand es wagen würde, die Daten zu verbreiten."
"Aber ein investigativer Journalist wie ich," Löffler warf sich in Positur. "Ein investigativer Journalist wie ich hätte die Daten im Sinne der Allgemeinheit veröffentlicht. Und natürlich im Sinne meines Geldbeutels."
"Das ist, glaube ich, Mrs. Law nicht ganz klar gewesen."

Bröckmann seufzte glücklich, dann aber fiel ihm etwas ein. "Was ist jetzt eigentlich mit diesen Ullas?"
"Ullas?" Löffler starrte ihn an und Bröckmann erzählte im Stakkato, dass der Kanzler tot, die Kanzlergattin eine Attentäterin mit 9 kleinen Selbstmordattentäterkindern und die Justizministerin ebenfalls tot war. Und dass die übrigen Ullas vorhatten, den Reichstag zu sprengen, das Brandenburger Tor abzureißen (Das "Tor des Bösen", das hatte die Kanzlergattin im Internet gelesen, sollte nämlich den Nazis den Wiedereintritt in unsere Dimension ermöglichen) und dann Katja Burkweich als neue Kanzlerin zu etablieren. Ganter von Baronreuth sollte sie nach Berlin bringen.

Löffler stand neben Bröckmann und bemühte sich, die neuen Informationen zu verdauen. Verdammt, er wusste beim besten Willen nicht, wie er diese wirre Geschichte veröffentlichen sollte, die würde wirklich niemand glauben.
"Wir müssen nach Berlin," meinte Wellie.
Bröckmann nickte. "Sofort," er deutete auf seinen Panda, "los doch."
Zusammen mit Eggie quetschten sich Henry Chestnut und Titty de la Puss auf den Rücksitz, Bröckmann nahm Wellie auf den Schoß und Löffler nahm auf dem Fahrersitz Platz. Titty nahm einen Ohrring ab und gab ihn Henry Chestnut.
Der Finanzminister errötete und nahm den Ohrring. Es gab nichts zu sagen.
"Es gibt da einen Koffer in Berlin..." summte Löffler und wechselte dann zu seinem Lieblingslied, seiner privaten Interpretation von "Dragostea di tei".
In Höhe der ersten Autobahnauffahrt stimmte Wellie dann mit ein. "Politik, Poli-ti-hik..." sang er aus voller Kehle.

Interessenskonflikte auf dem Rastplatz


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