Warum Wellie weint

Angefangen hatte alles ganz harmlos damit, dass man Wellie aus einer internen Besprechung hinausgeworfen hatte. Na gut, er wurde regelmäßig mit der Begründung "für Tunten verboten" rausgeworden, daran hatte er sich gewöhnt. Er klagte dann ein wenig über Diskriminierung, wurde unter Hohngelächter von Günther Beckfelsen zur Gleichstellungsbeauftragten geschickt, und das war es dann. Aber diesmal war es anders.

Er kam gerade zur Tür herein, in Gedanken immer noch bei Bröckmann und dessen großen... Wortschatz, als es im Raum totenstill wurde. Der Kanzler bemühte sich um lockere Unverfänglichkeit, indem er selbstvergessen an seiner Zigarre herumfühlte, Münzundhering klappte ein paar Ordner zu, schloss sie in einen Schrank ein und lehnte sich dann gegen den Schrank.
"Wellie." Die Stimme von Mrs. Law klang wie klebriger Honig. "Wie schön, dass Du da bist, wir wollten gerade gehen."
"Worum geht es denn? Haben wir Probleme?"
"Aber nein, mein Freund, aber nein." Oscar stieß sein heiseres Lachen aus. "Niemals. Die Sicherheit des Landes ist gesichert. Terrorwarnstufe hellgelb sozusagen, Tendenz zum Grünen."
"Fein, aber-"
"Alles in Ordnung, wirklich. Schau doch morgen noch einmal vorbei."
Elegant schob man ihn aus dem Raum, und Wellie hörte, wie das Schloss einrastete. Aber im Gegensatz zu seinen sonstigen Erlebnissen hörte er nicht das Gelächter über irgendeine Bemerkung, die einer der Anwesenden in Bezug auf Schwule machte. Im Gegenteil, er konnte nur ein Flüstern hören.

Wellie überlegte kurz, dann wurde es ihm zu dumm. Aufgeputscht durch ein ungewöhnlich schmackhaftes Müsli (erst später würde er feststellen, dass er sein Müsli mit dem von Löffler vertauscht hatte, der sich deshalb ungewöhnlich schlapp fühlte) zog er seinen blaugelben Schal aus und sah zu dem schmalen Fenster hoch, das über der Tür war. Wenn er nur da durch spähen könnte. Er sah zu den Kleiderhaken, die über dem Fenster angebracht waren (die Firma "Haken Systems" hatte da ein paar kleine Fehlerchen gemacht und die Kleiderhaken zuerst an der Decke und dann zwischen Decke und oberem Fenster angebracht, bis es einem Consultant gelungen war, ihnen klarzumachen, dass Kleiderhaken weiter unten angebracht gehören) und lächelte. Wellie wirbelte mit seinem Schal so lange herum und hüpfte auf und ab beim Werfen, bis sich der Schal zumindest über einen Haken gelegt hatte. Als ein Pressesprecher vorbeikam, entschuldigte er sich damit, er übe eine besondere Form des Schattenboxens, die er sich bei seinen Fröschen abgeschaut hatte. Und schließlich hüpfte er weiter, bis der Schal über beiden Haken hing. Wellie zog sich mühsam hoch und hatte das Gefühl, seine Arme wurden aus den Gelenken gerissen.

Der Kanzler sah Wellies Gesicht am Fenster und öffnete die Tür.
"Wellie", sagte er nonchalant, "was ist denn? Wir besprechen hier gerade was Geheimes, und Du sollst es nicht mitbekommen. Natürlich darfst Du das nicht wissen, deshalb haben wir ja einfach nur gesagt, dass Du wieder gehen musst."
Wellie nickte mühsam und baumelte weiter über dem Kanzler.
"Schon klar," ächzte er, "aber ich dachte, es wird vielleicht zu stickig in dem Raum und wollte euch deshalb ein Fenster öffnen. Und ich muss ja sehen, ob sich die frische Luft dann auswirkt, also ob z.B. Oscars Gesichtsfarbe sich verändert."
"Das ist ja supernett von Dir, haha." Der Kanzler lachte fröhlich. "Aber das Fenster geht doch von außen gar nicht zu öffnen."
"Ich... wollte... auch... nur... klopfen.", stöhnte Wellie.
"Ah, ich verstehe. Du bist doch ein schlauer Fuchs." Der Kanzler lachte weiter. Sein Lachen war so etwas wie das Putzen bei Katzen. Wenn er nicht weiter wusste, lachte er halt. "Wir machen das Fenster von innen auf, ja? Aber nicht lauschen."
"Niemals.", beteuerte Wellie und baumelte weiter. Der Kanzler verschwand und öffnete das Fenster von innen.

"Also, zumindest sind diese Reporter zur Zeit verschwunden, was ein Vorteil ist."
"Was ist eigentlich mit diesem Bröckmann?", fragte Mrs. Law und legte ihre Füße auf Oscars Oberschenkel. "Wo ist der?"
"Keine Ahnung. Auf jeden Fall schreibt er nicht mehr, das allein ist wichtig. Wie sieht es sonst aus?", fragte Münzundhering, und sein faltiges Gesicht wurde traurig, als er bemerkte, dass die Justizministerin Oscar mehr beachtete als ihn.
"Vinnie Benzin kommt in einer halben Stunde hier an, Super-Clemens ist auf dem Weg nach Nigeria, um von Gibmir Al Deincash das Geld zur Sanierung der Finanzen zu bekommen, und unsere Crew samt SEK bewegen sich gen Bielefeld."
"Fabelhaft." Mrs. Law stand auf und reckte sich. "Dann ist ja alles klar."
Sie verließ den Raum und sah zu Wellie hoch. "Oh, hallo."
Wellie ließ den Schal halb los und plumpste zu Mrs. Laws Füßen. "Hallo," meinte er betont lässig, "ich übe gerade eine besondere Form des Ropehanging."
"Mit einem Schal?"
"Ich habe mein Seil vergessen." Wellie war ziemlich stolz auf sich, langsam aber sicher wurden seine Erklärungen richtig gut.
"Ah, na dann bekommst Du ja vielleicht sogar ein paar Muskeln, was? Das wäre doch mal etwas..." spöttelte Mrs. Law und tätschelte Wellies Wange. Und das war der Moment, als Wellies Geruchsnerven, sensibilisiert durch den Umgang mit Bröckmann, anschlugen. Das war kein normales Frauenparfum, das war es ganz und gar nicht. Und das war auch keine Handcreme. Nein, das roch eindeutig nach... Seine Nase zuckte, und er drehte sich um. Hinter ihm stand Dorit, wie immer ihren betont harmlosen Gesichtsausdruck zur Schau tragend. Ihre 11köpfige Schar Kinder folgte ihr, und plötzlich machte etwas bei Wellie "Klick".

"Ehrlich gesagt", meinte er. "ich habe mir überlegt, nicht mehr schwul zu sein. Ich meine, Günther sagt ja, das ist veränderbar."
Mrs. Law sah ihn wohlwollend an. "Das ist ja eine wunderbare Idee.", meinte sie und sah ihm in die Augen. "Ganz wunderbar." Er konnte sie förmlich schnurren hören und fragte sich, was denn mit ihr los war. Wo war die gnadenlose Justizministerin geblieben, die Patentbefürworter als 1-Euro-Sklaven einlud und mit Gesetzesentwürfen folterte? Was war mit der Frau los, die im Chat keinerlei Provokationen umging, sondern unnachgiebig mit Platitüden konterte?
Er sah zu Dorit und wieder zu Mrs. Law, nahm seinen Schal an sich und holte tief Luft. "Ich glaube, Homosexuelle und Bisexuelle sind sowieso veränderbar," sagte er hastig, "da hat Günther ganz recht. Wisst ihr, vielleicht verlasse ich meine Partei und trete Günthers bei."
Dorit lächelte und starrte noch immer Mrs. Law an. "Ich finde aber, man sollte zwischen Homosexuellen und homosexuellen Frauen unterscheiden.", meinte sie, und Wellie hörte das feine "th", das sich in ihr "s" stahl. Und dann sah er zwischen Dorits Mausezähnchen etwas Grünes schimmern, und es schauderte ihm. Denn, verdammt noch eins, dass Mrs. Law und die Kanzlergattin sich hier ansahen wie zwei Damen im Nachtprogramm, wenn sie ihre 0190-Nummer anpriesen, war schon seltsam genug. Aber dass ausgerechnet jetzt die Kanzlergattin eindeutig ein grünes Haar zwischen den Zähnen hatte, das war kein Zufall mehr, oh nein. Das konnte nur eines bedeuten. Dorit wusste ganz genau, wo Bröckmann war... und sie war ihm näher gekommen, als Wellie jemals vermutet hätte.

Wellie trat den Rückzug an. Draußen, in der Kälte, zog er seinen Schal wieder fest um seinen Hals, behielt aber die Enden in der Hand. Er wagte nicht, sich zu rühren, sein kleines Herz pochte ängstlich. Aber Guiseppe Wellie, der kleine verschüchterte Guiseppe Wellie, wuchs in dieser Stunde der Not über sich hinaus. Egal was Bröckmann mit der Kanzlergattin getan hatte, egal warum sie ein Schamhaar in jenem Grün zwischen den Zähnen hatte, welches nur Bröckmann benutzte (dieses Grün zeichnet die Wissenden aus, hatte Bröckmann gesagt. Dies ist eine Eigenmischung für besonders Wissende sozusagen.), er würde herausbekommen, was mit Bröckmann geschehen war. Und als Mrs. Law und die Kanzlergattin an ihm vorübergingen, Dorits Kinder im Schlepptau, da hörte Wellie sie sagen "Tho, dann thehen wir einfach mal nach, wath unther kleiner thüther grüner Withender tho macht, und ob ihm die Mäuthe im Keller schon thuviel werden.", da traf Guiseppe Wellie eine Entscheidung.

Er würde Bröckmann befreien, zusammen mit der Spin Doctress und Löffler. Denn ein einziges Mal in seinem kleinen Leben voller Spötteleien und Häme, würde Guiseppe Wellie ein Held sein. Ein kleiner aber mutiger homosexueller Held...

>> Ein wenig Bi


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