Ablenkungsmanöver

"Zwei unserer fähigsten Leute sind verschwunden." Die Korinthe blickte melodramatisch-ernst in die Kamera. "Unser Verlag wird nicht eher ruhen, bis diese Sache aufgeklärt ist."
"Fähigste Leute?" Hal Grafartos blickte ihn verständnislos an. "Ich dachte, Du wärest der Meinung, dass wären die schlimmsten Nulpen schlechthin."
"Meine Güte - ich geh ja auch schlafen, obwohl ich sagte, wir werden nicht eher ruhen." Jürgen rührte seelenruhig in seinem Kaffee. "Donīt panic."
"Sag mal..." warf Hal ein. "Wenn Löffler und Bröckmann weg sind, wer leitet dann eigentlich Weitdorf?"
"Da läuft ein Bot. Ein Nachrichtengenerator entwickelt Artikel zu den Themen Illuminaten/Nazis/Sex/911 und Frauenbewegungen, politische Krise/Bürgerrechte/1984/umfallende Reissäcke und Spanien/Geheimdienste/Kinonews. Klappt hervorragend."
"Gestern stand etwas über Bürgerrechte im Jahr 2084 in der Antarktis gefährdet, weil die umfallenden Reissäcke das Wasser aufsaugen. Meinst Du nicht, das fällt auf?"
"Ach, keine Sorge - das klappt wunderbar. Hast Du nicht gelesen, wie sie im Forum darüber debattiert haben, ob man deshalb China angreifen soll?"
Hal stöhnte auf. "Ich weiß nicht so recht. Mir kommt das seltsam vor. Was ist überhaupt mit Löffler? Erst meldet er sich und erzählt wirres Zeug, dann ist er ganz weg..."
"Keine Ahnung." Die Korinthe zuckte die Schultern. "Vielleicht ist er nur auf dem Weg zum Verschwörungstheoretikertreffen. Larsson hat gemeint, wir sollen das in Heiss und Fettig TV bringen und das war es. Ich geh was trinken."
Hal runzelte die Stirn. "Und was machen wir wegen Bröckmann und Löffler?"
"Na, was schon? Das Thema ausschlachten. Mach einen Reißer draus - Zensur und Verfolgung politisch Andersdenker weitet sich aus oder so."
"Ich bin für sowas nicht geeignet. Dafür war immer Bröckmann zuständig oder diese komische Punkerin."
"Die ist auch verschwunden. Hey!" Die Korinthe grinste. "Na, wenn das nicht genial ist. Drei investigative Aufklärer verschwunden. Fang an zu schreiben."
Hal seufzte. Er würde den Artikel so schreiben, wie er dachte. "Bisexueller Verschwörungstheoretiker, paranoide Punkerin und durchgeknallter Redakteur verschwunden". Den Rest würde die Autokorrektur erledigen.

"Sie werden uns erwischen und festnehmen und foltern. Es gibt da diese komischen Sonden."
"Wellie!" Löffler stöhnte auf. Er wusste noch nicht einmal, warum er eigentlich hier war, aber es ging ihm auf den Geist, Wellie dauernd noch trösten zu müssen. Dessen lautes Weinen würde sie noch verraten. Außerdem fragte er sich, ob man den Parteivorsitzenden wohl bald künstlich mit Wasser versorgen müsste. Er schien zu dehydrieren.
"Geben Sie ihm die Flasche.", zischte die Spin Doctress.
"Was?"
"Geben Sie ihm die Wasserflasche. Nun los. Und sagen Sie ihm was Nettes."
Löffler reichte Wellie eine kleine Flasche mit Mineralwasser und lächelte betont breit. "Was Nettes.", sagte er.
Die Spin Doctress verdrehte die Augen.
"Was denn? Ich soll was Nettes sagen. Und?"
"Wenn ich sage: Sagen Sie ihm was Nettes, dann meine ich nicht, sagen Sie ihm was Nettes, sondern eben was Nettes."
"Welchen Unterschied macht das eben?"
"Pardon?"
"Ob ich ihm was Nettes oder eben was Nettes sage - wo ist der Unterschied?"
"Lassen Sie mich raten, wenn Ihre Freundin Sie darum bittet, ihr was Heißes ins Ohr zu flüstern, sagen Sie entweder "was Heißes" oder Küche?"
"Ich bin eben kein Mann der vielen Worte." Löffler warf sich in Positur und verlor fast seine Brille. Wellie schrie auf.
"Sie greifen uns an."
Die Spin Doctress ignorierte ihn. "Na, das habe ich schon gemerkt.", meinte sie an Löffler gewandt. "Sie sind sozusagen der König unter den Drei-Wort-Antwortern. Ein Jed."
"Ein Jed?" Löffler wollte es nicht wirklich wissen, dennoch fragte er.
"Kurz angebundener Mann im Bett - sagt "Ja, Erster, danke". Vermutlich verzichten Sie auf das ja."
"Damit wäre ich dann ein Ed." Löffler warf sich erneut in Positur. "I am Mr. Ed. The famous Mr. Ed.", trällerte er den Titelsong der alten Serie.
"Lassen Sie das. Wir sind immerhin auf geheimer Mission.", fauchte ihn die Spin Doctress an.
"Und worauf warten wir hier?"
"Auf unsere Helfershelfer." Sie wandte sich an Wellie, der noch immer weinte. "In dem schwarzen Catsuit siehst Du übrigens sehr hübsch aus."
"Ehrlich?" Wellie sah sie aus tränenumflorten Augen an.
"Finde ich nicht.", meinte Löffler.
Wellie brach erneut in Tränen aus, und die Spin Doctress schlug Löffler mit ihrem Handy auf die Nase.

"Sie kommen."
Löffler lauschte. "Darf ich mal fragen, wer unsere Helfershelfer eigentlich sind?"
"Sicher."
Löffler zählte langsam bis zehn. "Also?"
"Sie dürfen fragen."
Er holte tief Luft. "Also - wer sind unsere Helfershelfer?"
"Ein paar Freunde. Sie nennen sich die Noodle-Ups."
"Hört sich zweideutig an." Wellie lächelte.
"Ach nein - ihre Codenamen sind halt Nudelnamen und Ups steht für Untergrund-Paranoiker."
"Würde mich jemand mal bitte kneifen?"
"Gerne doch." Wellie kniff Löffler in die Hand, und dieser heulte auf.
"Kneifen! Nicht die Blutzufuhr abwürgen."
"Weichei."
"Hört zu..." Die Spin Doctress nahm ihr Handy und las die ankommende Kurznachricht. "Also, der Nudelmeister... das ist der Chef... hat einen Plan. Wir müssen die da drinnen ablenken, damit die anderen ins Gebäude können."
"Ach nein."
"Doch. Und der Nudelmeister hat mal in einem Konsalikroman gelesen, dass dort die Leute durch Musik abgelenkt wurden. Um es präzise zu sagen, ein Gondoliere sang ein Liebeslied und übertönte damit und mit dem Orchester auf dem Wasser, dass Leute einen Palazzo stürmten."
Löffler starrte sie an.
"Das heißt, zwei von uns müssen halt durch ein Liebeslied die Leute ablenken und der Rest sieht zu, dass er in das Gebäude kommt."
"Das ist so ziemlich der behämmerteste Plan, den ich jemals vernommen habe. Erstens sind wir nicht in Venedig, zweitens werden, bedingt durch erstens, Leute, die hier losträllern, auffallen wie bunte Hunde und alle Leute auf sich aufmerksam machen. Und drittens - selbst wenn der Plan nicht völlig behämmert wäre:
Wer bitte sollte hier losträllern?"
Die Spin Doctress lächelte sanft. "Die da drinnen", sie deutete Richtung Wohnhaus, "haben nach eigener Aussage keine Ahnung von Musik. Also wird es ihnen nicht auffallen, wenn jemand falsch singt. Soviel zu drittens. Natürlich sind wir nicht in Venedig, aber die Leutchen sind Italienfans, die werden also höchstens sehnsüchtig an ihren Urlaub denken. Nehmen Sie nicht zuviel Intelligenz an."
"Der Plan ist vollkommen hirnrissig."
Die Spin Doctross lächelte immer noch. "Na komm, Caruso.", meinte sie spöttisch. "Zier Dich nicht. Zusammen mit Wellie hier werdet ihr ein großartiges Duett abgeben."
Löffler brach fast zusammen. "Und was sollen wir singen?"
Die Spin Doctress hielt die Hand hoch, und etwas Schwarzes flog zu ihr hin. "In der Brieftaube ist ein Zettel mit dem Text versteckt."
"Das ist eine tote Brieftaube."
"Ja, aber sie ist ausgestopft. Also los..." Sie schob ihn zu Wellie. "Ihr beide werdet das großartig machen." Damit verschwand sie.
Löffler sah ihr nach und schloss die Augen. Er erinnerte sich daran, wie sie alle hier gelandet waren...

>> Warum Wellie weint


<< zurück zu Henrys Inhalt

Zur Startseite