RealityTV mit dem Kanzler

"Liebe Untertanen..."
Mrs. Law schüttelte den Kopf. "Du hast es vergeigt.", meinte sie zum Kanzler. "Ganz klar. Schon ab dem ersten Moment."
"Ach, Unsinn." Der Kanzler stieß sein bekanntes Lachen aus und zog an seiner Zigarre. "Ich war brillant. Dieser kleine Patzer am Anfang... das kann schon mal passieren. Aber da hört keiner so genau hin. Außerdem kann man das doch rausschneiden."
"Rausschneiden?" Der Innenminister starrte ihn an.
"Na, das macht man doch bei Versprechern."
"Also nur die Ruhe, meine Damen und Herren.", beschwichtigte Krass Alda. "Es ist doch größtenteils gut gelaufen. Okay, das mit den Untertanen am Anfang war etwas ungünstig, aber sonst war das alles recht gut."
"Gut? Die Rede war ein Debakel.", schimpfte der Außenminister. "Das Haar saß absolut schlecht, die Farbe war nicht gleichmäßig verteilt und-"
"Und es heißt 'Clemens Wolfgang wird die Staatsfinanzen sanieren', nicht jedoch "Clemens Wolfgang wird von den Staatsfinanzen sich sanieren. Außerdem hast Du davon gesprochen, dass die Haushaltsdaten genauso schlecht frisiert sind wie Dein Hund. Das war ein ausgesprochen blöder Witz."
"Also, wenn Du mich so weiter kritisiert, trete ich zurück.", schmollte der Kanzler, und eine Träne tropfte auf seine Zigarre. Krass Alda eilte sofort zu Hilfe, wischte dem Kanzler die Augen ab, erteilte dem Kritiker eine Rüge, indem er zielsicher seinen schwarzen Stiefel zwischen den Oberschenkel platzierte.
"Außerdem war das ja wohl nur die Generalprobe, da passiert so etwas nun mal."
Joschi Jäger beendete sein kurzes Fitnesstraining mit seiner jugendlichen Freundin und sah seinen Kanzler misstrauisch an.
"Das ist schon das zweite Mal, dass Du sowas sagst..." stellte er fest. "Was heißt hier Generalprobe? Das war live."
"Jaja." Der Kanzler lachte wieder. "Das sagen die Sender immer. Aber in Wirklichkeit sind viele der Realitiy TV-Serien doch gestellt oder zumindest nachbearbeitet. Bei dieser Kanzleramts Seifenoper hier war das jedenfalls so gedacht."
"Ähem." Mrs. Law holte tief Luft. "Die Serie wird erst demnächst gedreht. Das hier ist die Realität."
"Jaja... das ist ja gerade der Trick. Sieht alles verdammt echt aus, was? Da wird selbst der deutsche Holzmichel wach, ha!"

"Wir sind verloren.", murmelte Mrs. Law. "Das ist alles wirklich krass und-"
"Was habe ich damit zu tun?", Alda verwahrte sich gegen jegliche Kritik, doch Mrs. Law ignorierte ihn.
"Tut mir leid, Jungs, aber ich muss das erstmal verarbeiten.", meinte die Justizministerin langsam. Sie fühlte Wut in sich aufsteigen und überlegte, ob sie sich einen der 1 Euro Programmiersklaven holen sollte, aber so langsam ödete sie das an. Sie brauchte Abwechslung. Vielleicht würde ihr ein Chat mit einem dieser Patentgegner gut tun.
"Alda, erklär es ihm mal." Der Innenminister seufzte. "Scheint, als hätten wir ein wirklich großes Problem. Die Katze ist aus dem Sack, das Volk weiß, wie unser Kanzler hier über sie denkt, und die Sache mit Henry ist auch nach draußen gesickert. Was tun wir also?"
"Was machen die Attentate?"
"Das funktioniert zur Zeit nicht. Dadurch, dass der Verfassungsschutz sich momentan auf der gegnerischen Seite befindet, werden sämtliche geheimen Absprachen zwischen unseren befreundeten Freiheitskämpfern und uns sofort in diesen Tauschbörsen gehandelt. Ich weiß nicht, wie sie es machen, aber sie finden alles heraus."
"Na ja, Du selbst hast doch dem Verfassungschutz etc. die Möglichkeiten gegeben, alles zu belauschen."
"Ach, tatsächlich?" Oscar seufzte schwer. "Ja, das stimmt wohl. Aber ich dachte ja nicht, dass die das mal gegen uns verwenden."
"Kannst Du nicht Dein Kryptohandy nutzen?"
"Geht nicht. Durch die vielen Logos und Klingeltöne ist der Speicher so voll, dass das Telefonieren selbst nicht mehr funktioniert."
Krass Alda stöhnte auf. "Hört zu, Leute - wir haben nur eine Chance. Wir müssen Henry finden und eliminieren. Dann finden wir eine Erklärung für die Kanzlerrede - ein terroristischer Anschlag mit einer die Sinne vernebelnden Chemikalie oder so. Und wenn dann noch Clemens mit dem Geld ankommt, sitzen wir wieder fest im Sattel."
Oscar starrte aus dem Fenster und dachte an das Zusammentreffen mit der Datenschützerin. Er fragte sich, ob das Kryptohandy dafür sorgte, dass seine Anzughose ein wenig gewellt war oder etwas anderes.
"Sagt mal, was ist denn eigentlich los? Ich meine - ich war doch wirklich gut, oder?" fragte der Kanzler.

>> Ablenkungsmanöver


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