Sie haben mich...

"Sie haben mich." Bröckmann erwachte und fühlte sich wie nach ungefähr zwei Flaschen Whisky am Vorabend. Oder, um es mit Bröckmanns eigenen Worten zu sagen, wie nach einer Alienentführung samt schmerzhafter Untersuchung. Er versuchte, sich zu bewegen, musste aber feststellen, dass seine Füße und Hände gefesselt waren und er sich auf einer eher unbequemen Campingliege befand. Um ihn herum war Dunkelheit. Irgendein Tier bewegte sich um ihn herum, und er hörte ein Scharren. Bröckmann zerrte noch einmal an den Fesseln, dann tat er das, was jeder harte Kerl in dieser Situation tun würde: er schrie.
"Hier hört thie niemand.", hörte er eine lispelnde Stimme, und er zuckte zusammen. Katja Burkweich? Um Gottes Willen, es war schon schlimm genug, hier gefesselt herumzuliegen, aber dann noch mit einer Moderatorin eines Pseudomagazines?
"Was haben Sie mit mir vor? Wo bin ich? Warum bin ich hier?"
"Thagen wir, eth gibt ein Problem.", sagte die Frauenstimme sanft.
Bröckmann holte tief Luft. "Man wird mich vermissen.", meinte er ruhig. "Man wird die Polizei benachrichtigen, einer meiner Bekannten hat gute Beziehungen zum Innenminister und-" Er dachte an Wellie und daran, wie sie gemeinsam "Fletchers Visionen" geschaut hatten.
"Thicher. Dath withen wir. Aber da Thie thich ja momentan mit einer Dame vergnügen, wird niemand Thie tho schnell vermithen."
Bröckmann stutzte. Was wusste man von seiner Liaison mit der Gesundheitsministerin?
"Wissen Sie," die Stimme klang jetzt kälter, beherrschter. Und sie war von jeglichem Lispeln befreit. "wir sind so nahe dran. Und dann kamen Sie. Normalerweise hätten wir das alles gut in den Griff bekommen, aber Sie sind leider... etwas anders. Wir konnten uns nicht mehr darauf verlassen, dass Sie wirklich nur noch müde in Ihrer Wohnung bleiben, es war zu riskant. Wir mussten Sie hierher bringen. Aber keine Sorge - in ein paar Tagen ist alles vorbei."
"Alles vorbei?" wiederholte er dumpf. Das alles ergab keinen Sinn. Und auch die Stimme... das konnte doch nicht sein, oder?
"Es wird alles besser werden." sagte die Frau kühl und zündete sich eine Zigarette an. Einen Moment lang sah Bröckmann ihr Gesicht.
"Oh mein Gott.", sagte er.
"Wir wollen nicht übertreiben.", sagte sie, und dann erzählte sie ihm, was sie vor hatte.

"Du klingst paranoid." Hal Grafartos stellte den Heißwasserbereiter an und holte ein paar Tütchen mit Baldriantee aus seiner Schublade.
"Ich bin nicht paranoid." Löffler rührte in seinem Kaffee, ein Teil der heißen Flüssigkeit schwappte in die Tastatur und bildete zusammen mit den Keks-, Chips- und Pizzakrümeln eine breiige Masse, die die Buchstaben a und s verband. Es würde wieder schwierig werden zu tippen für Löffler.
"Ich sagte, du klingst paranoid." Hal seufzte und goss sich Tee auf.
"Bröckmann ist verschwunden, Hal. Das ist kein Scherz."
"Bröckmann ist dauernd verschwunden. Mal war er von Außerirdischen entführt, mal hatten ihn die Geheimdienste in der Mangel, und mal musste er sich verstecken."
"Wir können nicht ausschließen, dass es keine Außerirdischen gibt."
"Aeh... wie jetzt? Können wir es ausschließen oder nicht?"
"Was?", fragte Löffler irritiert.
"Na, dass es keine Außerirdischen gibt."
"Hm, nein, wir können das nicht ausschließen."
"Also schließen wir es aus.", folgerte Hal messerscharf.
"Was?"
"Dass es Außerirdische gibt.", meinte Hal genervt. "Du redest davon, dass wir nicht ausschließen können, dass es sie nicht gibt. Das Gegenteil wäre, dass wir ausschließen können, dass es sie nicht gibt - es sie also gibt. Da wir das nicht auschließen können... ach, vergiss es."
Löffler drückte vorsichtshalber die A-Taste. Auf dem Bildschirm erschien wasdghwcjb. Er seufzte und begann, die Tastatur mit etwas Nagellackentferner zu säubern.

"Zurück zu Bröckmann. Er treibt sich halt mit einer Frau herum, na und?"
"Aber er hat Wellie eine Nachricht hinterlassen."
"Und was stand drauf?" Hal sah traurig in seinen Tee. Einer der Teebeutel war aufgerissen, und die Baldrianteilchen, die beim Umrühren ein Muster ergaben, erinnerten ihn an einen Strudel.
"Sie sind hinter mir her."
"Du klingst paranoid."
"Das waren Bröckmanns Worte an Wellie. Außerdem kann man durchaus eine Ahnung haben, ohne paranoid zu sein."
Hal fühlte sich wie auf sehr brüchigem Eis. "Also, Bröckmann hat Wellie eine Nachricht hinterlassen. Diese lautete: Sie sind hinter mir her. Das klingt für mich übrigens paranoid. Aber keine Sorge, ich will nicht ausschließen, dass es nicht paranoid klingen sollte und es nur an mir liegt. Aber wer bitteschön sind denn "Sie"?"
"Das Ganze wird ja erst brisant, wenn man bedenkt, dass Bröckmann nie so etwas schreiben würde."
"Nicht?" Das allerdings war Grafartos neu.

"Nein. Ich meine, Bröckmann würde irgendetwas schreiben wie: Ich bin nur mal einkaufen. Das wirkt unverfänglich. Er hätte allerdings nie eine so offensichtliche Nachricht hinterlassen, die noch dazu für manche Leute paranoid klingen könnte."
"Also, Bröckmann hinterlässt, wenn er einkaufen geht, keine Nachricht?"
"Doch, aber dann schreibt er eben nicht, dass er einkaufen geht oder so, weil das halt Codes sind, wenn etwas passiert ist. Wenn er einkaufen geht, schreibt er Dinge wie "sie kriegen mich nie" und malt dann ein Ei daneben."
Hal schlürfte seinen Baldriantee und wühlte in seiner Schublade nach ein paar passenden Beruhigungstabletten.
"Jedenfalls stand auf Bröckmanns Nachricht nur "Sie sind hinter mir her", kein Ei, nichts."
"Wir brauchen mehr Eier.", murmelte Hal zusammenhanglos. Er fragte sich, ob jetzt jeden Moment jemand hinter seinem Computer hervorstürzen würde und "April! April" riefe. "Also, fassen wir zusammen - Bröckmann, allgemein als paranoid angesehen, verschwindet und hinterlässt eine Nachricht. Und weil auf der Nachricht eben kein Ei ist, sondern dort nur steht "sie kriegen mich nie", was normalerweise bedeutet, dass er einkaufen ist, ist Wellie der Meinung, es sei etwas passiert. Was wäre, wenn Bröckmann das Ei einfach vergessen hat? Was, wenn er einfach mal ein paar Tage ausspannt?"
"In zwei Tagen ist das Verschwörungsfestival in Bielefeld. Wellie und Bröckmann hatten bereits ein Zimmer reserviert, und sie wollten sich "Pretty Man" ansehen. Warum sollte er zwei Tage vorher plötzlich ausspannen?"

Hal schüttelte die Tablettenpackung. "Pretty Man? Nein, erzähl es mir lieber nicht. Ich will es nicht wissen. Also, Deiner Meinung nach ist Bröckmann etwas zugestoßen - und nun?"
"Wir müssen versuchen, ihn zu finden, was sonst? Wellie, die Spin Doctress und ich werden jetzt die hinterlassenen Spuren unter die Lupe nehmen."
"Jegliche Spezieleinheit würde vor Neid erblassen.", meinte Hal sarkastisch. "Was denkt denn die Spin Doctress?"
"Sie denkt, dass jemand Bröckmann gezwungen hat, eine Nachricht zu hinterlassen, die absichtlich paranoid klingt. Dabei konnten sie aber nicht wissen, dass Bröckmann solche Nachrichten sowieso hinterlässt, wenn er einkaufen geht. Dass er aber ein Ei daneben malt, wussten sie nicht und insofern ist klar, dass Bröckmann diese Nachricht nur unter Zwang geschrieben haben kann. Die Spin Doctress sagt, wichtig wäre jetzt vor allen Dingen, die Frau zu finden, mit der Bröckmann in den letzten Tagen zusammen war. Denn die hat ihn ja dazu gebracht, sich nicht mehr gegen Angriffe zu schützen."

Hal dachte an die Zuckerstange. Er fühlte sich immer elender.
"Aber pass auf - jetzt kommt es nämlich. Die Spin Doctress denkt, es war eine Ministerin."
"Und warum das?" fragte Hal schwach.
"Weil Wellie und die Spin Doctress in Bröckmanns Tasche ein gebrauchtes Kondom gefunden haben. Mit dem Bundesadler drauf. Wellie will jetzt versuchen, die Spin Doctress dem Innenminister vorzustellen, damit sie ihn ein wenig becirct und er die DNS-Proben der Ministerinnen mit denen vom Kondom vergleicht."
"Fabian." Hals Stimme schien von weit her zu kommen. "Bist Du betrunken? Nimmst Du Drogen?"
Löffler sah auf seine Tastatur. Die klebrige Masse war fort, allerdings waren die Tasten links des Gs nun ohne Aufschrift.
"Hal - die Spin Doctress sagt, es gibt da noch etwas... und zwar hat Wellie anfangs etwas über den Finanzminister gemurmelt, dass er verschwunden sei, sich vorher seltsam verhielt." Löfflers Stimme klang eindringlich. "Und zur gleichen Zeit ist ist noch jemand verschwunden."
"Wer? Ein Außerirdischer? Der Pabst? Der Präsident...?"
"Nein, Hal." meinte Löffler ruhig. "Titty de la Puss."

Hal legte den Hörer auf. Er fühlte sich unendlich alt und frustriert. Die Pressemeldung darüber, dass Darius McBreit, der betrunkene klagophile Schotte, erwog, einen Prozess gegen einen Vogelpark anzustrengen, da dieser ein Pinguinbecken anbot, machte den Tag eigentlich auch nicht mehr besser. Aber auch nicht viel schlechter.

>> Es wird Zeit für ein Informationsfreiheitsgesetz


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