Live in the gosse...

"Lief doch wunderbar heute." Matthias Gedicht grinste zufrieden. "Ehrlich, wir haben das Geld für Bielefeld bald zusammen."
Der frischgebackene MC Eichel lächelte tapfer. Gott, arm sein war ja so anstrengend. Er hatte sich eigentlich nie Gedanken um Geld gemacht, weder woher es kam, noch wofür er es ausgab. Aber jetzt musste er völlig neu rechnen lernen - lernte, wieviel Flaschen man sammeln musste, um ein Brot zu bekommen, wie lange er betteln musste, um eine Fahrkarte kaufen zu können... Wie hielten Menschen das aus? Wie konnte man diese ewige Rechnerei ertragen? Er verstand es nicht, für ihn waren die letzten Tage schon die reinste Hölle gewesen.
"Auf jeden Fall wird Dich so keiner erkennen." Matthias schraubte zwei Plastikflaschen mit Bier auf und hielt Henry eine davon hin. "Was ist eigentlich passiert? Ich meine - Du treibst Dich ja wohl nicht einfach so hier rum. Klar, Du hast irgendwelche geheimen CDs und so weiter und so fort. Aber ganz ehrlich gesagt: Vorher wäre es Dir völlig egal gewesen, ob jemand weiß, ob im Haushalt gemauschelt wird oder nicht."

"Ich weiß nicht, was passiert ist." Henry vermied es, auf den letzten Satz einzugehen. "Da war diese Frau... sie küsste mich. Es war irgendeine Wahlveranstaltung, glaube ich. Und sie war wirklich toll... aber danach fühlte ich mich seltsam. Und dann-" Er brach ab.
"Und dann?"
"Ich machte mir Gedanken." Henry nahm einen Schluck von dem Bier. "Ich fühlte mich komisch. Und dann, ein paar Tage später, nahm ich die CDs mit den Daten, stopfte alles in einen Rucksack und wusste: Ich musste dafür sorgen, dass diese Daten an die Öffentlichkeit geraten."
"Und Dir ging es vorher nie so?"
"Um Gottes Willen!" Henry schüttelte den Kopf und trank wieder von dem Bier. "Niemals! Ich finde es schon anstrengend, dass der Haushalt öffentlich gemacht werden muss - es wäre alles so viel leichter, wenn das einfach intern gehandhabt wird."
Matthias öffnete das nächste Bier. Das Sixpack hatten sie sich zur Feier des Tages gegönnt, weil ihnen ein Punk, dem sie leidtaten, zwei Euro geschenkt hatte.
"Feudalismus war auch was Schönes.", fuhr Henry sehnsüchtig fort. "Aber irgendwie ist mir dies alles nicht mehr wichtig, ich möchte, dass die Leute Bescheid wissen. Was passiert bloß mit mir?"
Matthias zuckte die Schultern. "Es muss mit der Frau zusammenhängen.", meinte er überraschend hellsichtig. "Wer war sie?"
"Ich weiß nicht.'" Henry runzelte die Stirn. ""Es war eine Wahlveranstaltung, und Gerhards Freund war da."
"Welcher Freund?" hakte Matthias nach.
"Ich kann mich nicht erinnern." Henry seufzte und leerte seine Bierflasche.

"Oh nein." Matthias wurde plötzlich blass. Er deutete auf eine zappelige Blondine und einen Farbigen, die, gefolgt von einem Tross Kameramänner und Mikrophonhalter, auf sie zukamen. "Auch das noch."
"Was ist los?", fragte Henry beunruhigt."
"Das sind die Typen von "Olé", diesem Musiksender. Da gibt es diese Sendung "Olé joins the poor", wo sie sich in den Gossen rumtreiben und neue Talente entdecken wollen. Grausam."
"Was tun wir?"
"Das ist eine Livesendung, wenn wir also jetzt abhauen, fallen wir auf. Wir müssen wohl mitspielen. Vergiss nicht, Du bist MC Henrik Eichel. Und kein Wort über Finanzen, Haushaltsdaten oder Politik, okay?", zischte Matthias.
"Aber-" Henry brach ab, denn der Farbige hatte ihn bereits erreicht.

"Yo yo yo, Man." Henry fühlte sich an einen dunklen Frosch erinnert, als der Farbige vor ihm auf und ab hüpfte. "Wir sind von Olé, und Du bist bei "Olé live aus the gosse", der Sendung, wo wiiiiiiiiir...." Er deutete auf sich und die Blondine. "zu euch kommen... live bei den Ärmsten der Armen. Was geht ab in den Gossen dieses Landes? Welche coolen Beats entstehen, wenn man Hunger hat? Gibt es Sex zwischen den Mülltonnen? Sterben echt konkret Leute an Hunger? All das und mehr bei "Olé live aus the gosse". Und Du!", er deutete auf Henry, "Du bist dabei!"
"Ja, genau... wir sind hier voll cool mal in die Gosse abgetaucht und haben zwei echt geile Bettler gefunden." Die Blondine grinste in die Kamera.
"Ich bin Molke Risibisi und das hier ist Anesthesia. Und wir sind bei Olé live aus the gosse." Die beiden brachen in Gelächter aus und wandten sich dann an Matthias. "Yo, Alter - was geht?"
Matthias schaute in die Kamera.
"Fuck, Du bist Matthias Gedicht." Risibisi staunte. "Yo, Alter - ich hab Deine Scheibe früher gehört."

"Unglaublich!" schmetterte Anesthesia ins Mikrophon. "Das ist voll konkret son Schlagerstar hier. Und der Typ neben ihm... meine Fresse, das ist wohl der älteste und traurig aussehendste Rapper, den ich je gesehen habe. Ja, das ist live, das ist Armut pur, nur bei Olé. Hier fühlt ihr die Vibes der echten Trostlosigkeit, hier sind die Emotions."
Risibisi hatte sich mittlerweile Henry vorgenommen. "Ja, Alter... oh, yo, Du bist wirklich ein trauriger Anblick, ey. Aber das ist eben real, das ist live, das ist das wahre Leben." Er klopfte Henry auf die Schulter. "Yo, sach mal Deinen Namen, Alter."
"He-"
"He Mann, er heißt MC Eichel.", unterbrach ihn Matthias hastig.
"MC Eichel, na wenn das nicht geil ist." Risibisi und Anesthesia kicherten wieder hysterisch. "Yo, Alter - dann lass mal was hören. Gibt auch Cash dafür."
Henry erblasste, er schien der Ohnmacht nahe.
"Er hat Lampenfieber.", erklärte Matthias Molke und Anesthesia und stubste Henry an. "Ey, MC, Du kannst das, echt."
Kameras und Mikrophone richteten sich auf den totenbleiben Finanzminister. Geistesgegenwärtig setzte ihm Matthias noch eine alte zerkratzte Sonnenbrille auf die Nase.

Henry holte tief Luft. Wenn er jetzt nichts tat, würde das auffallen, und man würde ihn finden, noch bevor die Daten veröffentlicht waren. Alles wäre umsonst gewesen. Er schloss die Augen und dachte an die Frau, die ihn geküsst hatte, an ihre tollen Augen und den Schmollmund. Und er dachte an all jene, die ihn bei den Wahlveranstaltungen immer ausgelacht hatten, die sich über ihm amüsiert hatten, weil er alt war und ein faltiges Gesicht hatte. Jetzt war seine Chance, jetzt... sie würde nie wieder kommen. Er erinnerte sich daran, wie er das letzte Mal vor dem Karaoke-Wettbewerb sich übergeben hatte, wie er keinen Ton herausbekommen hatte. Und an all die Tage, in denen er heimlich in seinem Zuhause den Film des amerikanischen Rappers gesehen hatte und sich gesagt hatte: Ach, was wünschte ich, ich würde nur einmal wirklich eine Chance bekommen. So wie er. Und dann öffnete er die Augen wieder, stellte sich breitbeinig hin und wippte mit dem Kopf zu einer imaginären Melodie.

Yo, du denkst ein Alter wie ich, der kann nicht rappen
Aber ich lass dich aussehen wie den letzten Deppen
Mein Gesicht ist zwar faltig und deines glatt
ich bin hungrig, du bist satt
Aber, Alter, du hast es nicht gecheckt
Dass auch in nem alten Knacker noch was steckt
Drum mach die Ohren auf und halt die Klappe
Denn du bist nur ne billige Moderator-Attrape
Läufst rum wie ein Frosch im Ecstasy-Rausch
Deine Braut hier, ist nicht nur blond wie ein Rausch-
goldengel, sie ist auch noch blöd
Yo, da staunste, ich sach, was abgeht

Deine Sendung, Alter, die kannste knicken
Da würd ich noch lieber bei ner Bundestagsdebatte f---
Du denkst, du bist cool mit deiner blonden Sister
Aber ich sag es dir, sogar der Finanzminister
Ist tausendmal cooler als Du, und der ist zwar ein alter Sack
Aber dafür kriegt der noch jede Zinsaufgabe geknackt
Ich bin nicht jung, ich hüpf nicht rum
Aber dafür bin ich echt nicht dumm
Ich jonglier mit Zahlen, ich leg alle rein
Ja, meine Zahlen sind mehr Schein als Sein
Aber keiner merkt es, motherfucker
MC Eichel gibt dem Affen Zucker

Mir ist alles egal - auch der Stabilitätspakt
Da steh ich drüber, Alter - das ist Fakt
Schulden machen ist so einfach wie nie
Dafür lieb ich unsere Demokratie
Und wenn alles schiefgeht, Gott sei Dank
Dann gibt es mal nen Kredit, gleich frisch von der Bank
Ich schmeiß mit Subventionen wie andere mit Kamelle
Und wenn einer mauscheln will, bin ich zur Stelle

Yo, motherfucker, MC Eichel ist im Haus
Und da siehst Du Moderator konkret alt aus
Du weißt nicht mal, was ne außerplanmäßige Ausgabe ist
Oder wie man am Feiertag die Staatsflagge hisst
Hast keine Ahnung von den Finanzen
Yo, Alter, du kannst nicht mal tanzen
Drum sagt MC Eichel es dir und deiner Sister
Bevor ich wie du werd, werd ich lieber Minister
Yo, motherfucker, yo, yo, yo...
Make some noise!!!!
Fuck the government!!!

Henry wippte noch immer und hielt seinen Mittelfinger in die Kamera. Er fühlte sich nach langer langer Zeit endlich gut...

>> Sie haben mich...


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