Super-Clemens und Gibmir Al Deincash

"Kanzler, mein Kanzler." Der Parteivorsitzende raste mit fliegenden grauen Haaren ins Kanzlerzimmer. "Mein Kanzler!"
Der Kanzler zog an seiner Zigarre, während Chantal, die vor ihm auf dem schwarz-rot-goldenen Kissen saß, an etwas anderem zog.
"Hups, hallo, Chantal."
Chantal lächelte mit vollem Mund und hob kurz grüßend die Hand.
" Mein Kanzler, es ist dringend.", sagte der Parteivorsitzende, aber der Kanzler blieb gelassen - wie es sich für ein Staatsoberhaupt gehört. Er malte mit der Zigarre eine 4 in die Luft, und der Parteivorsitzende ging seufzend noch einmal aus dem Raum. 4 Minuten - das würde für ein kleines Schlückchen reichen. Sowohl für Chantal als auch für ihn.

"Wir sind fertig." Chantal stöckelte aus dem Zimmer.
"Wunderbar." Der Parteivorsitzende wieselte ins Zimmer und schloss die Tür. "Kanzler, mein Kanzler... wir sind gerettet."
"Ach? Ich denke, wir sind pleite und verloren."
"Clemens hat uns gerettet."
"Nein."
"Doch."
"Nein."
"Doch."
"Ach."
Parteivorsitzender Münzundhering strahlte. "Clemens ist so ein Fuchs.", meinte er bewundernd.
"Nun erzähl schon." Kanzler Gerd holte eine Flasche aus seinem Schreibtisch. "Ein Schlückchen?"
Münzundhering überlegte. "Ich hatte aber schon..." begann er, aber der Kanzler winkte ab.
"Gestandene Mannsbilder wie uns haut doch ein kleiner Schluck nicht um."
Münzundhering griff nach dem Limonadenglas, das der Kanzler mit Ratzeputz gefüllt hatte und nahm einen großen Schluck.

"Also, Clemens war heute mal wieder im Netz..." Münzundhering grinste. "Na, und als er... du weißt schon... als er halt ein paar Bilder suchte, um die Gleichstellungsbeauftragte zu ärgern, hat er sich auch bei ein paar solcher Newsletter oder so eingetragen, und bei einem dieser Dienste, wo man halt hübsche Frauen kennenlernen kann, die es mal auf andere Weise..." Er errötete.
"Und was wollte Clemens? Dass er dabei seine roten Socken anbehalten darf?"
"Ich weiß nicht, jedenfalls hat er dort halt seine E-Mailadresse hinterlassen und in ein paar anderen Eckchen im Netz auch. Natürlich so, dass niemand weiß, dass er dahinter steckt."
"Du meinst, er hat einen Tarnnamen benutzt."
"Er wollte zuerst einfach Vorname und Nachname umdrehen, also eben nicht Clemens Wolfgang sonder... na ja, egal - jedenfalls fand er dann aber, der Name würde schlechte Assoziationen hervorrufen, und insofern hat er sich als ich-bin-der-superminister-clemens-wolfgang-aber-das-darf-niemand-wissen eingetragen. Genial, was?"
Der Kanzler staunte. Auf so eine spektakuläre Idee wäre er nie gekommen.
"Und dann hat er in einem Finanzforum halt unter dieser geheimen Adresse einen Kommentar geschrieben. "Suche schnelle Finanzierungsmöglichkeit für völlig bankrotten Haushalt in Europa". Und man glaubt es nicht, aber schon nach kurzer Zeit hatte er sehr viele Angebote. Und das teilweise mit sagenhaften Möglichkeiten - oder wusstest Du, dass man, nur indem man ein wenig surft, bis zu 10.000 Euro pro Monat einfach so verdienen kann? Aber noch viel besser war das Angebot eines kenyanischen Finanziers. Das ist allerdings streng geheim, denn er wird politisch verfolgt. Kennst Du den kenyanischen Freiherrn Deincash?"
Der Kanzler überlegte. "Nein, " musste er zugeben, "Leider nicht."
"Jedenfalls wurde dieser von einer Horde Netzindianer gemeuchelt, und sein Sohn will jetzt das Familienvermögen außer Landes bringen, bevor es irgendwelchen Fanatikern in die Hände fällt, die davon Bomben kaufen."
"Also aktive Terrorbekämpfung."
Münzundhering nickte aufgeregt. "Clemens soll jetzt ein paar Milliarden auf das Konto von Gibmir Al Deincash einzahlen, denn in Kenya sind die Gebühren einfach wahnsinnig hoch, wenn es um geheime Deals geht. Und dann wird Gibmir Al Deincash das gesamte Vermögen an Clemens schicken und wir sind saniert."
"Unglaublich, wie einfach das ist. Da sag noch einer, das Internet wäre ein Hort von Betrügern." Der Kanzler war fasziniert. "Hat sich Eider-Dauss das ganze mal angesehen?"
"Er hat recherchiert und meint, alles sei eindeutig in Ordnung. Er hätte nämlich nichts über Gibmir Al Deincash gefunden, was bedeutet, dass die kenyanische Regierung eine Informationssperre verhängt hat und ferner sämtliche alten Infos gelöscht hat - also alles streng geheim."
"Einfach sagenhaft, wie sehr sich manche Menschen in Gefahr begeben." Noch immer beeindruckt, schüttete der Kanzler den Rest Ratzeputz in die Gläser. Münzundhering nahm noch einen großen Schluck und verließ dann, leicht grün im Gesicht, das Zimmer.

>> Mit Dorit im Grünen


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