Konspiratives Treffen mit Löffler

"Je brisanter die Informationen, desto mehr muss man den Ort eines Treffens bedenken." Löffler schob seine Brille zurück. "Ein Boot auf dem offenen Meer empfiehlt sich da, zumal das Salzwasser und die Gischt die Elektronik von eventuell vorhandenen Abhörgeräten stören."
Er sah seine Begleiterin fragend an, doch sie schwieg. Wahrscheinlich völlig beeindruckt, dachte er. Na ja, er hatte es nicht anders erwartet. Schließlich passierte es nicht jeden Tag, dass jemand so bereitwillig sein Insiderwissen weitergab.
"Es ist sicherlich ein wenig ungemütlich, aber man muss eben auch einmal Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen.", schwadronierte er weiter.
"Ja.", lautete der karge Kommentar, und langsam ärgerte es ihn doch etwas. Wenigstens ein bewundernder Blick wäre ja wohl drin gewesen.
"Man kann nicht vorsichtig genug sein. Aber ich kann verstehen, wenn dies für Sie noch neu ist - es ist allerdings eine alte Journalistenweisheit und-"
"Herr Löffler", unterbrach ihn Spin Doctress betont ruhig. "ich erkenne Ihr journalistisches Genie durchaus an. Dennoch ist mir kalt und ich bekomme nasse Füße."
"Ich erwähnte ja, warum es wichtig ist, sich auch einmal aufs Meer zu begeben und-"
"Wir sind nicht auf dem offenen Meer, Herr Löffler. Wir sind nicht einmal in Meeresnähe. Wir stehen auf einem ziemlich verdreckten Stück Land am Rheinufer, meine Stiefel sind kaputt, meine Füße sind bereits Rheinwasser umspült und es ist kalt. Es gibt weder Salzwasser noch Gischt - und bis jetzt gab es auch nicht eine einzige brisante Information von Ihnen außer der Tatsache, dass Sie Ihre Brille vergessen haben, was sich mittlerweile ja geklärt hat, da sie lediglich in der falschen Tasche war."<

"Irgendwie sind die modernen Frauen recht phantasielos.", nörgelte Löffler und zog seinen Trenchcoatkragen zurecht. "Aber egal - Was es mit Bröckmann und Wellie, Titty de la Puss und Bielefeld auf sich hat, habe ich ja erklärt. Ich dachte, Sie wären vielleicht daran interessiert, einen investigativen Artikel zu schreiben."
Sie schloss kurz die Augen. "Ich werde es weitergeben.", meinte sie schwach. "Natürlich nur an vertrauensvolle Personen. Die sollen sich in Bielefeld mal umhören."
"Fein." Er lächelte. "Aber Sie müssen selbst auch dranbleiben."
Das war natürlich nur Blabla, er war weiterhin nicht davon überzeugt, dass an der ganzen Räuberpistole was dran war, aber wenn er das Ganze an die Spin Doctress abschob, hätte er den Kram vom Tisch und hoffentlich auch ein paar Tage Ruhe vor der Spin Doctress, die ihn mit ihren Artikelvorschlägen und Kommentaren zu Tränen langweilte. Also eindeutig eine gute Idee. Löffler war sehr zufrieden mit sich.

"Dann können wir ja jetzt vielleicht hier raus aus dem Wasser." Sie zog ihre Stiefel aus und ließ das Wasser heraus fließen.
"Oh, ja sicher." Er ging mit ihr gemeinsam zur Straßenbahnhaltestelle. "Weißt Du", sagte er plötzlich, "ich denke, wir haben so viel gemeinsam, es wäre schade, wenn wir die Gelegenheit nicht nutzen würden, uns näher kennen zu lernen."
Sie blinzelte ihn irritiert an. "Bitte?"
"Der Tag ist vorbei, doch die Nacht gehört uns. Lass sie uns gemeinsam erforschen und erleben. Lass mich Dir zeigen, was Romantik und Liebe heißt."
Spin Doctress´ Stirnrunzeln hatte sich vertieft. "Geht es Ihnen gut?"
"Du hast meine Sinne betört." Er sah sie an. "Ach, verdammt, ich hab den Rest vergessen." Er holte einen etwas abgegriffenen Kitschroman aus seiner Tasche und blätterte darin. "Ah, hier ist es: Lass mich Dir zeigen, wie es sein kann und-"

"Sie baggern, indem Sie Kitschromane zitieren?", fragte sie fassungslos.
"Na ja, wenn es das ist, was Frauen hören wollen - mir soll es egal sein." Er zuckte die Schultern.
"Kein Mensch sagt mehr solchen Käse. Mittlerweile sagen die Männer Sachen wie "wolln wa zu mir", in Kitschromanen vielleicht auch mal "lass uns die Leidenschaft entfachen" oder "ich brenne vor Verlangen, lass es uns tun", Romantik ist out."
"Na ja." Er sah auf den Roman. "Es ist ein altes Exemplar. Von 88 oder so." Er steckte den Roman wieder weg. "Na gut, sind wir ehrlich - ich hänge nun einmal heute hier fest, und die Damen sind teuer, da wollte ich halt Geld sparen."
"Ich soll also mit Ihnen ins Bett gehen, damit Sie Geld sparen?"
"Na ja... Sie könnten auch mit mir schlafen, weil Sie mich lieben oder so."
"Aber ich liebe Sie doch gar nicht.", protestierte sie.
"Ich weiß. Es sollte auch nur ein Vorschlag für eine alternative Begründung sein, wenn Ihnen die Geldbegründung nicht gefällt."
"Also, ich müsste schon völlig gestört oder besoffen sein, um mit Ihnen ins Bett zu hüpfen, weil Ihnen langweilig ist und Sie zu geizig für eine Professionelle sind."
"Hm", er überlegte. "ich nehme an, gestört sind Sie nicht, nein?" Er seufzte. "Okay, dann bleibt nur besoffen... wie wäre es, wenn wir einfach noch gemeinsam etwas trinken gehen?" Er schien zu rechnen. "Also, wenn es weniger als 100 Euro kostet, dann ist es immer noch günstiger."
"Wir können in die Zone gehen."
"Das klingt herrlich konspirativ. Eine befreite Zone?"
"Eine Kneipe, mehr nicht."
"Hm." Er beschloss, seine Taktik zu änden. "Könnten wir uns nicht einfach vorstellen, dass wir bereits dort gewesen sind und Sie bereits betrunken sind?"
"Nein.", meinte sie kühl und rief ein Taxi. Und gerade, als dieses um die Ecke bog, sah sie am Wasser, dort, wo sie eben noch gestanden hatten, eine dunkle Gestalt.

>> Bewerbungsgespräche beim SEK


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