Schöner neuer Henry

"Also ich schwöre dir, so erkennt dich kein Mensch."
Henry Chestnut stand auf, er war blass und zitterte. In seiner Nase steckte ein Ring, die altmodische Brille war einem punkigen schwarz-roten Modell gewichen, und auch in den Ohren, in Unterlippe und Augenbraue hatten sich Stecker oder Ringe eingefunden. Der graue Anzug war in der Kleiderkammer gelandet, dafür trug Henry nun modische Baggypants, ein Shirt mit dem Aufdruck "Registrierter Bürger" und Turnschuhe mit bunten Schnürsenkeln.
"Ich finde, du hast dich wacker gehalten." Der Bärtige, der sich als Matthias Gedicht vorgestellt hatte, ein ehemaliger, mittlerweile stark verschuldeter Schlagerstar, grinste. "Das Haar sieht gut aus."
Henry fuhr sich durch das gefärbte Haupthaar. "Ja, also..." sagte er hilflos. "Es ist eben schwarz."
"Klar." Matthias klopfte ihm auf die Schultern. "Hauptsache, man erkennt dich nicht mehr. Jetzt müssen wir noch an deiner Sprache feilen, und dann können wir zusehen, dass du mit deinen CDs da zu diesen Computerfuzzis kommst."

Henry sah sehr unglücklich aus, wie er da in seinem Rapper- bzw. HipHop-Outfit herumstand. Sein faltiges Gesicht erinnerte in seiner Traurigkeit an einen Basset, aber er wusste, dass Matthias Recht hatte. Wenn er so aussah wie immer, würde er nie bis zu Ro773 kommen, man würde ihn erkennen und schon würde Oscar ein SEK schicken. Der Innenminister war da gnadenlos. Henry hatte einmal erlebt, wie Oscar ein SEK losgesandt hatte. Es war eine Kleinigkeit gewesen, eine Blindschleiche im Garten des Nachbarn, aber Oscar meinte, man müsse sichergehen, es könne sich auch um eine feindliche Drohne handeln oder um eine biologische Waffe. Die Blindschleiche war nie gefunden worden, dafür prozessierte der Inhaber von Haus und Garten bis heute gegen den Innenminister, der sein Zuhause in ein Trümmerfeld verwandelt hatte.
"Na komm..." Matthias klopfte gegen seinen Rucksack. "Wir müssen noch ein paar Flaschen sammeln."
Henry nickte wieder und nahm seinen eigenen Rucksack mit den CDs. "Es ist eine ermüdende Arbeit, fürwahr."
Matthias schüttelte den Kopf. "Was habe ich dir beigebracht?" Er sah Henry aufmunternd an. "Hey, du heißt jetzt nicht mehr Henry Chestnut, du bist MC Eichel. Für dich als Ami ja voll normal, denk ich. Und du musst halt amimäßig cool sprechen, okay? Nicht vergessen."
Henry trottelte hinter Matthias her. "Fucking Arbeit this Flaschensammeln, jo.", meinte er verlegen. "Yo, man, ich war only born in fucking America but leben und arbeiten und so in Germany."
"Henry, du bist ein Naturtalent.", staunte Matthias, "gleich weiter, ja?"
Und so gingen sie weiter, um auf ein paar Bit zu kommen, Matthias Gedicht, der seinen alten Hit "Verdammt, ich ess dich" (gewidmet einem Gummibärchen) summte und Henrik Eichel, der getarnte Finanzminister, in dessen unscheinbarem Rucksack die brisanten Haushaltsdaten steckten, die ein Land ins Chaos stürzen konnten.

>> Die Korinthe greift ein...


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