Das 64-Bit-Problem

Das dämonische Knurren wurde lauter, und es dauerte ein wenig, bis er merkte, dass es sein eigener Magen war, der da knurrte. Seit etlichen Tagen hatte er sich lediglich von dem ernährt, was andere überließen, und er hatte einen solchen Hunger, dass er hätte Leute anfallen können. 'Hm', dachte er, 'der Kanibale von Berlin, das wäre doch mal eine Schlagzeile'. Aber so hungrig war er dann doch wieder nicht. Zumindest nicht ganz. Er hievte den alten verdreckten Rucksack auf seinen Rücken und ging weiter, den Kopf hielt er gesenkt. Seine Haare waren ungewaschen und zerzaust, das Gesicht müde, und durch die Bartstoppeln sah er verlebt aus. Er fasste in eine Mülltonne und zog einen halben Hamburger heraus, den er gierig verschlang. Dann sah er die Bierflasche und dachte an das Pfand. Schnell schob er die Flasche in seinen Rucksack.

Auf dem Weg zur nächsten Mülltonne begann er zu rechnen. Er zog die Flasche noch einmal hervor und las die Aufschriften. Das Pfand betrug 8 Cent. Es war eine Bit-Flasche, also benötigte er 64 Bit, um sich zumindest ein Brot, etwas Wasser, Käse und vielleicht ein oder zwei Äpfel zu kaufen. 64 Bit! Und da quasselten andere von 128 Bit, unglaublich! Wie sollte er denn 64 Flaschen finden? Bis dahin würde er verhungert sein. Aber es gab keine andere Möglichkeit, keinen anderen Ausweg. Er griff in die Mülltonne und wühlte, bis er etwas klirren hörte. Noch eine Flasche! Er zog sie hervor und wollte sie gerade einpacken, als jemand nach seinem Arm griff.
"Es scheint, als würdest Du die Regeln hier nicht kennen.", meinte eine raue Stimme, und er blickte in das Gesicht eines fürchterlich großen Menschen mit einem Gesicht wie ein Waldschrat: Vollbart, gelbe Zähne, dunkle Augen, wettergegerbte Haut. "Das hier ist mein Revier!"

"Ich.. ich...", stammelte er und ließ sich die Flasche abnehmen. Schlotternd vor Angst holte er auch die aus dem Rucksack hervor. "Ich wusste es nicht."
"Jetzt weißt Du es." Der Bärtige nahm die Flaschen und packte sie in seinen Sack.
"Aber-" Er begann zu flehen. "Aber ich habe nichts, gar nichts. Und ich habe Hunger. Ich brauche etwas zu essen, bitte."
Der Bärtige seufzte. "Mann, nun beruhige Dich, Opa.", entgegnete er bärbeißig. "Zeig mal ein bischen Würde."
Doch er flehte weiter, jammerte und bat voller Verzweiflung um Hilfe. Er wusste einfach nicht mehr, was er tun sollte, und er hatte so schrecklichen Hunger.
"Ich brauche nur 64 Bit! 64 Bit! Mehr brauche ich nicht."
"Jaja", meinte der Bärtige zynisch, "hat der Gates auch mal gesagt." Aber, verdammt, der Opa tat ihm leid. Er sah völlig erledigt aus, und ein wenig erinnerte er ihn an seinen Vater. "Ach, nu hör auf zu jammern. Kannst mit in die Suppenküche kommen, da gibt es was."
"Nein!", schrie er voller Qual auf. "Nein, kann ich nicht. Sie suchen mich, sie suchen mich überall und-" Er begann zu weinen, und der Bärtige legte ihm seine große Hand auf die Schulter.
"Sie suchen Dich? Bist Du aus dem Knast ausgebrochen?", fragte er.
"Ja, ich meine... nein." Er weinte noch immer. "Irgendwie schon."
"Also bist Du ein Krimineller?"
Er weinte nur noch mehr und griff nach dem Ärmel des Bärtigen. "Nein, ja... ich weiß nicht.", stammelte er.
Und in jenem Moment ging dem Bärtigen ein Licht auf.
"Ach Du Scheiße", sagte er. "Du bist der Finanzminister..."

>> Unsere Jungs eben ...


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