Das Dosi-Pfand

"Dosi ist im Club," meinte einer der jungen Skater zu Haxxxor und Platindämon, "und er ist ein wenig missgelaunt."
"Auch das noch." Haxxxor verdrehte die Augen. Als ob er sich zwischen diesen Typen mit den "Ich trag meine Brieftasche im Schritt meiner Hose"- Klamotten nicht unwohl genug fühlte, jetzt ging es auch noch in einen Club. Dabei hätte er eigentlich längst mal wieder in die Uni gemusst.

In den letzten drei Tagen hatten sie verzweifelt versucht, dem Kanzler und seinen Ministern klar zu machen, dass sie nicht arbeitslos sondern Studenten waren und eigentlich hätten gar keinen 1-Euro-Job annehmen müssen. Super-Clemens hatte diese Bedenken jedoch mit einem "Sozialschmarotzer ist Sozialschmarotzer" weggewischt, Haxxxors Argumentation, dass Studenten später ja genug Geld in die Wirtschaft fließen ließen, hatte wütende Widerworte gegeben.
"Ach, das kennt man doch - erst hier einen auf arm machen und später geht man dann und sucht sich einen Traumjob im Ausland.", hatte Super- Clemens gewettert. "Immer das Gleiche mit diesen Wirtschaftsflüchtlingen. Fehlt nur noch, dass sie wegen politischer Verfolgung Asyl in Nordkorea oder Kuba suchen."
Daran hatte Haxxxor in den letzten Tagen, spätestens beim Besuch von Bloody Bess, tatsächlich gedacht, aber er schwieg.

Nichtsdestotrotz wurde es in der Uni langsam eng, die Freundin mäkelte herum, und seine Eltern stellten unbequeme Fragen. Insbesondere sein Vater hatte ein "von Mann zu Mann"-Gespräch mit ihm geführt, weil nach der Renovierungsaktion bei Bess auf seiner schwarzen Jacke ein weißer fliegender Tampon zu sehen war. Er hatte sich wohl einmal zu genervt an die Wand gelehnt.

"Der Club" erwies sich als der Versuch einiger wenig betuchter Rapper, eine gewisse Hip-Hop-Athmosphäre zu kreieren. Was aber schon angesichts der "Location", wie es der Türsteher nannte, fehlschlagen musste. Das ehemalige öffentliche Toilettengebäude hatte man zwar von den meisten Urinalen und Toilettenschüsseln befreit, trotzdem roch man die Vergangenheit des Hauses noch auf zehn Meilen gegen den Wind, ein Umstand, den man durch Unmengen von Räucherstäbchen verändern wollte, wodurch der HipHop-Club eher wie eine Art Hippie-Relikt wirkte. Auch beim Rest hatte man sich an den "Großen" orientiert, die jungen Rapper und HipHoper steckten in engen Lackklamotten, die Frauen trugen enge Miniröcke und teilweise nur Tangas, was bei den frostigen Temperaturen zur Zeit wohl bei einigen zu einer Blasenschwäche führen würde. Eine Schale mit einem weißen Pulver ging herum, und Haxxxor sah demonstrativ zur Seite, als sie ihn erreichte. Platindämon tat es ihm nach.
"Ich mag es nicht, wenn man meine Gastfreundschaft nicht annimmt.", meinte eine Stimme hinter ihnen kalt.

Haxxxor drehte sich um. Ein recht massiver junger Mann stand dort, die Augen waren hinter einer metallischen Augenmaske verborgen. Das musste Dosi sein. Er sah etwas furchteinflößend aus mit der Blechmaske und dem Gesicht mit den großen braunroten Muttermalen.
"Aeh, Entschuldigung." Platindämon grinste leicht hektisch. "Aber - also, wir nehmen sowas nicht."
"Ich mag es wirklich nicht.", betonte Dosi, und Haxxxor zuckte resignierend die Schultern, als hinter dem Rapper zwei riesige Typen auftauchten. Bevor man ihn verdrosch... Er nahm die Schale und den aufgerollten Geldschein und zog einen Teil die Nase hoch. Tränen traten ihm in die Augen, er keuchte auf und schüttelte sich. Seine Nase fühlte sich an, als habe man diese Colafolter mit ihm durchgezogen. "Oh mein Gott!"
Dosi zog sich seinerseits eine Nase und betrachtete Platindämon und Haxxxor durch die Blechmaske.
"Ja, ist ungewohnt am Anfang," meinte er, "macht aber die Nebenhöhlen frei - ach ja, das gute alte Backpulver. Außerdem können wir so gleich mal für die Videos üben, da muss das rüberkommen."

Haxxxor beobachte durch seine tränenden Augen, wie Dosi ein paar Münzen im Club herumfliegen ließ. "Das macht ein cooler Rapper.", meinte er erklärend. "Klar, mit Fuffis wäre das besser, aber so viel habe ich nicht."
Platindämon hatte es mittlerweile geschafft, den Schmerz zu überwinden. 'Ich schlage diesen Typen nicht', wiederholte er innerlich sein Mantra. 'Ich bin ein friedfertiger Mensch, ich schlage niemanden, egal was er tut. Ich bin ein friedfertiger Mensch'...
"Wir suchen Henry Chestnut. Bloody Bess meinte, er wäre noch vor kurzem Dir über den Weg gelaufen."
"Henry? Oh ja. Er war irgendwie seltsam drauf." Dosi kratzte sich am Kopf, und die scharfe Kante seiner Metallmaske schnitt ihm prompt einen Finger auf. "Aaah!", kreischte er. "Nicht schon wieder." Entnervt wickelte er ein Taschentuch um den Finger und nahm die Maske ab. "Ich muss es da wohl mal mit Klarlack versuchen. Das Ding rostet und ist höllisch scharf." Er sah sein Gesicht in einem der fast blinden Spiegel und seufzte. "Oh Mann, ich sehe aus wie ein Typ aus einem Horrorfilm." Wieder und wieder wischte er mit seinem Ärmel über sein Gesicht, und der einst graue Ärmel färbte sich braunrot, während die vermeintlichen Muttermale verschwanden. "Rost, überall Rost." Dosi seufzte. "Aber zurück zu euch... und Henry. Setzt euch doch."
Sie setzten sich auf das alte ausgeleierte Sofa, und Platindämon bekam eine lose Sprungfeder gegen den Oberschenkel. 'Ich bin ein friedfertiger Mensch', murmelte er immer noch.

"Also, Henry war wirklich komisch an dem Tag," meinte Dosi und winkte einer der Kellnerinnen zu. "Bring uns doch mal drei Cocktails."
Er wartete, bis die Getränke da waren, dann fuhr er fort. "Lief an mir vorbei und blieb dann stehen und sagte: "Dosi, da ist etwas nicht in Ordnung in unserem Staat". Okay, er hatte sowieso ab und zu seinen weinerlichen, aber da fing er nicht davon an, dass er etwas ändern müsste. "Dosi", meinte er an dem Tag, "wir müssen unbedingt was tun in diesem Land". Er würde etwas tun. Und er redete von irgendwelchen CDs, die er holen würde."
Haxxxor und Platindämon sahen sich an. Endlich eine heiße Spur.
"Hat er gesagt, wo er hinwollte mit den CDs?", fragte Haxxxor gespannt und verschluckte sich prompt an dem Cocktail. "Puh, was zum Henker ist das?"
Dosi schlürfte seinen Cocktail genüsslich. "Hefeflocken, Ginsengtropfen, Sojasauce, Spinatsaft und ein Schuss Pflaumensaft. Lecker, was?"

Platindämons Magen rumorte. Morgen würde er wahrscheinlich eine Magen-Darm-Grippe begrüßen können, wenn er weiter solches Zeug trinken oder inhalieren musste. Und dabei war Kranksein beim 1-Euro-Job bestimmt nicht drin!
"Er sagte irgendetwas wie "ich hole jetzt noch die CDs, und dann gehe ich zu R.O.773. Der muss das publik machen."
"R.O. 773?" Haxxxor und Platindämon starrten sich an.
"Rot13. Er sucht Rot13," meinte Haxxxor aufgeregt. "Rot13, verdammt, klar..."
Platindämon schob den Cocktail zur Seite und lächelte Dosi krampfhaft an. "Du hast uns sehr geholfen, vielen Dank."
Dosi grinste. "Wisst ihr, Jungs, ihr seid mir sympathisch. Und deshalb will ich zeigen, dass ich euer Freund bin." Er nickte den beiden bulligen Zeitgenossen neben sich zu, die auf Haxxxor und Platindämon zukamen. "Ihr wisst, was ihr zu tun habt." Damit ging Dosi.

"Ein Pfand seiner Freundschaft, ich fasse es nicht." Platindämon sah auf seinen Arm. "Ich mach mich doch zum Deppen, wenn das einer sieht."
"Ich glaube, wenn wir das abnehmen, wird er sauer, sobald er es weiß." Haxxxor zuckte resigniert die Schultern und nestelte an den Freundschaftsbändchen, die ihnen Dosi vermacht hatte. "Freundschaftsbändchen. Bin ich etwa Wolle P.?"

>> Das 64-Bit-Problem


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