Da steht nen Mann aufm Flur

Bröckmann starrte auf den Mann im Trenchcoat und Schlapphut, der ein Glas gegen die Tür gepresst hatte und nun versuchte, das Gleichgewicht wieder zu erlangen, nachdem die Tür so abrupt aufgerissen worden war.
"Ich hab es gewusst.", meinte er. "Was will der Geheimdienst von mir?"
Der Mann mit dem Schlapphut stand jetzt wieder gerade. "Geheimdienst?" Er schaute betont unschuldig in die Luft und pfiff etwas. "Also, da liegen Sie völlig falsch, Meister."
"Ich erkenne einen Geheimdienstler auf den ersten Blick.", sagte Bröckmann kühl.
"Jaja, das denken Sie. Aber überlegen Sie doch mal. Jeder denkt doch, wir Geheimdienstler würden mit Trench und Schlapphut rumlaufen, also würde ich doch, wenn ich wirklich Geheimdienstler wäre, was anderes tragen, damit ich nicht sofort als Geheimdienstler auffalle. Ergo: Kann ich kein Geheimdienstler sein. Also, das Glas hier hatte ich dabei, weil ich oft denke "hach, jetzt so ein schönes Glas Milch, das wäre schon schön" und mich dann ärgere, weil ich kein Glas dabei habe. Und da es kühl war und mein Ohr warm, habe ich das Glas mit dem Boden an mein Ohr gepresst. Und dann fiel mir ein, dass ich schnell mal schaue, ob ich denn auch die Tüte Milch dabei habe, und deshalb muste ich das Glas zwischen Ohr und Tür einklemmen."
Bröckmann überlegte messerscharf. "Mal angenommen, Sie wären vom Geheimdienst, hätten Sie dann nicht ein Richtmikrophon?"
"Hm..." Der Mann überlegte ebenfalls. Dann zuckte er die Achseln. "Okay, mal angenommen ich wäre Geheimdienstler, würde ich Ihnen sagen, dass halt auch bei uns sich Sparmaßnahmen durchgesetzt haben - zurück zu den einfachen Dingen des Lebens." Er zog eine Zwille aus der Tasche. "Waffen sind zu teuer geworden, wir arbeiten jetzt wieder mit Zwille und so. Also, das würde ich halt sagen, wenn ich Geheimdienstler bin, was ich aber nicht bin."

Bröckmann war nicht überzeugt. Die Fakten sprachen eine andere Sprache, aber andererseits - wenn der Mann es doch sagte...
"Ich glaube Ihnen nicht.", meinte er stur.
"Ach, verdammt. Moment mal bitte." Der Mann zog ein Handy aus seiner Tasche und drückte einen Knopf. Dann erzählte er kurz, was passiert war und wartete dann. "Hm, okay, ich verstehe. Danke.", sagte er und wandte sich wieder an Bröckmann. "Also, ich habe soeben mit der Justizministerin gesprochen, die mich, zusammen mit dem Innenminister auf Sie und Wellie angesetzt hat. Sie sagt, ich soll auf jeden Fall dafür sorgen, dass Sie davon überzeugt sind, dass ich kein Geheimdienstler bin." Er zuckte die Schultern. "Was würde Sie denn überzeugen?"

Bröckmann nagte an seiner Unterlippe. "Also, ich glaube, kein Geheimdienstmitarbeiter würde jetzt hier auf dem Flur steppen und dabei "Ich wünsch mir, ich wär beim Sicherheitsdienst" singen."
Das war ein Test, den er mal im Internet im Zuge einer Recherche gefunden hatte. Laut der Internetseite würde jeder Geheimdienstmitarbeiter, der sich zu diesem Verhalten hinreißen ließ, nach drei Minuten tot umfallen. Bröckmann grinste sardonisch.
"Können Sie das mal halten?" Der Mann gab ihm das leere Glas und begann, etwas zögerlich erst, dann mit mehr Elan, zu steppen und dabei aus vollem Hals "Ich wünsch' mir ich wär' beim Sicherheitsdienst" zu singen. Unten im Haus gingen ein paar Türen auf. "Ruhe da oben!", "Assoziales Pack, ich ruf die Polizei!", schrieen ein paar Leute. Der Mann im Trench und mit Schlapphut hörte auf zu steppen und grinste Bröckermann an.
"Jetzt alles okay?"
Bröckmann nickte. "Tut mir leid," meinte er, "ich war so davon überzeugt, dass Sie ein Geheimdienstler sind."
"Macht ja nichts. Ich ruf dann jetzt kurz die Ministerin und Oscar an und vielleicht können wir dann ja einfach alle gemeinsam was in Ihrer Wohnung essen?", meinte der Mann im Trench und lächelte.
"Ja, eine nette Idee." Bröckmann hielt ihm die Tür auf, und noch während der Fremde wieder sein Handy betätigte, griff er sich plötzlich an die Brust und sackte vor Bröckmann zusammen. Der blickte fassungslos auf die Leiche. Er hatte es ja gewusst: Geheimdienst! Und dann auch noch einer mit Verspätung. Verdammt!

>> Das Dosi-Pfand


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