Blut, Schweiß und Tränen

"Bess?" Conor öffnete die Tür zu einer Wohnung, dessen Einrichtung man wohl am ehesten noch bizarr nennen konnte. Möbel, Tapeten, Teppiche... alles war in Weiß gehalten, allerdings mit feuerroten Klecksen, die wirkten als hätte jemand entweder Spaß am Wedeln mit dem Malerpinsel gefunden oder aber ein Tier verbluten lassen. "Bess!"
"Sofort." Die Stimme aus dem Badezimmer klang wie die eines kleinen Mädchens und Haxxxor fragte sich, welche Seltsamkeiten ihn nun wieder erwarten würden. Als die Badezimmertür aufging, kam eine junge Frau heraus, die an Playboy-Titelphotos erinnerte, allerdings irritierte die Kleidung. Bess trug einen alten Malerkittel.

"Kundschaft?" Sie sah die beiden jungen Männer mit einem strahlenden Lächeln an. "Und - womit kann ich dienen?" Sie wandte sich kurz an Conor. "Du weißt doch, dass ich noch renoviere." meinte sie vorwurfsvoll.
Conor lächelte und fuhr Bess durch die langen schwarzen Haare. "Die beiden wollen ein paar Informationen."
"Dann können sie beim Renovieren mithelfen." entschied Bess und ging voran ins Arbeitszimmer wie sie es nannte. Dort war sie scheinbar dabei, die Wände neu zu streichen - diesmal ganz in Rot. "Da drüben liegen noch ein paar Kittel." meinte sie freundlich. "Die Wände hier sollen rot werden, knallrot. Und dann kommen in Schablonentechnik die weißen Elemente hinzu. Ihr könnt doch Schablonentechnik, oder?"
Haxxxor zuckte die Schultern. "Ich hab noch nie renoviert." gab er zu und Platindämon schaute derweil leicht fassungslos auf die Schablonen.
"Was soll das sein?" meinte er. "Sieht aus kleine Fallschirme oder-" Er wurde fast so rot wie die Farbe in den Eimern vor ihm.

"Es ist wohl eher das "oder", denke ich." meinte Bess lässig und schwang den Pinsel. "Ich hätte ja auch nicht gedacht, dass so viele Männer darauf stehen, aber scheinbar ist das solch ein Tabu-Thema, dass sie sogar dafür zahlen, sich damit beschäftigen zu können. Ich habe jemanden, der herkommt und die ganze Zeit während er mit mir schmust, einen..." Sie zwinkerte. "Na, ihr wisst schon."
Haxxxor hatte begonnen, die Wand mit wilden Bewegungen in Knallrot einzufärben, scheinbar sollte dies seine Verlegenheit übertünchen.
"Aber... gibt das keine Probleme? Ich meine, schließlich können Sie ja nur... also, ich meine... das geht doch nur ein paar Tage, oder?"
"Oh, klar, die gut zahlenden Kunden bekommen natürlich "the real thing". Bei den anderen... na ja", wieder zwinkerte sie. "es gibt ja Tomatensaft."
Haxxxor gab ein gequältes Geräusch von sich.

"Sie suchen Henry."
Bess lächelte. "Oh, Henry? Es ist ihm doch hoffentlich nichts passiert. Er ist ein so sensibler Mensch.
"Und er... steht auch auf so etwas?"
"Oh nein." Bess lachte und malte eine Ecke aus. "Dafür ist er viel zu schüchtern. Er sieht immer ein wenig wie ein verschrecktes Kaninchen aus, wenn er durch seine Brille schaut, findet ihr nicht?" Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Henry wollte nur reden. Ich zog ein schwarz -rot-goldenes Kleid an, malte mir Sommersprossen auf und dann hörte ich ihm zu, wie er von dem Stabilitätspakt und den Haushaltslöchern redete. Und meist weinte er."
"Bess hat ihn dann in den Arm genommen und mit ihm "Du, Minister" gespielt." meinte Conor vergnügt und schwang wie ein Wilder den Pinsel.
"Du Minister?" Platindämon war nicht sicher ob er das wirklich hören wollte.
"Da drüben die Wand ist schon trocken. Da kannst Du mit den Motiven anfangen."
Platindämon seufzte und hoffte, dass jetzt nicht der bizarre Fall eintreten und einer seiner Freunde ihn dabei sehen würde, wie er in der Wohnung einer bizarren Prostituierten fliegende Tampons an eine rote Wand pinselte.
"Das ist ein Spiel, das wir gerne spielten. Ich fragte ihn halt Sachen über den Haushalt und die Verschuldung und so und am Schluss sagte ich dann, wie genial und süß er wäre und dass ich seinen Starschnitt über dem Bett hätte. Und jede Frage fing halt mit "Du, Minister" an. Ich glaube, er war einfach einsam und wollte das Gefühl haben, dass irgendjemand ihn mochte. Allerdings war er manchmal auch wie ein wildes Tier." Bess grinste breit. "Er trug diesen Euroslip, ihr wisst schon... normalerweise sieht es wie eine 10 aus, aber na ja... in manchen Momenten wurde halt dann eine 10.000 draus."
"Er ist jedenfalls verschwunden." meinte Haxxxor schwach. " Wir sind Freunde und wollten ihn besuchen."
"Hm", Bess überlegte. "er war das letzte Mal vor fast zwei Wochen hier. Da war er irgendwie seltsam."
"Das Moralvirus." dachte Platindämon. "Das muss es sein."
"Auf dem Weg nach draußen meinte er dann noch zu Dosi: "Vielleicht ist das alles hier nicht in Ordnung". Kennt ihr Dosi?"
Haxxxor und Platindämon schüttelten synchron die Köpfe.
"Ist so ein Rapper. Er wollte gern so eine Maske wie dieser andere Typ aus Berlin. Ihr wisst schon, eine Totenkopfmaske aus Silber. Aber er hat nicht so viel Geld, daher konnte er sich das nicht leisten. Aber zumindest für eine Augenmaske hat es gereicht. Er hat sie von einem Nachwuchs- Designer machen lassen, aus Dosenblech. Daher der Name. Aber er ist ein lieber Kerl." Bess bekam feuchte Augen. "Hat mir sogar mal einen Tampon- Ohrring geschenkt."

"Ich glaube, mir wird schlecht." murmelte Haxxxor, kaum dass sie Bloody Bess und Conor sich selbst überlassen hatten.
"Möchtest Du Dir den Finanzminister vorstellen, wie er im 10.000-Euro- Slip mit einem Playmate im schwarz-rot-goldenen Kleid und mit falschen Sommersprossen über den Haushalt redet?" Platindämon schüttelte den Kopf. "Ganz ehrlich, hin und wieder mal eine muntere Runde im Puff ist ja okay, aber so was?"
"Ich glaube, ich möchte jedenfalls nicht wissen, was der Innenminister macht oder nicht macht." meinte Haxxxor entschieden. "Also suchen wir jetzt Dosi, den Rappper mit der Dosenblechmaske, der Tampon-Ohrringe verschenkt." Er warf den Kopf in den Nacken "Bitte, Gott, lass mich aus diesem Albtraum aufwachen!" brüllte er.

>> Ein Klingelton namens IM


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