Well(ie)ness-Tag

"Also, manchmal hast Du ja direkt gute Ideen, Clemie." Barbara streckte sich behaglich im Whirlpool aus.
"Ja, den Tag der offenen Tür fast ganz abzusagen und dafür einen Wellness-Tag einzulegen - das war wirklich höchste Zeit."
"Der Kanzler meint, er versteht auch gar nicht, warum man überhaupt diesen Tag der offenen Tür noch durchführen muss." Krass Alda bemühte sich, den Kopf gerade zu halten, damit seine Frisur nicht unter dem Whirlpoolwasser litt und er gleichzeitig sowohl den Aschenbecher für den Kanzler als auch seinen Notizblock halten konnte. "Er findet es zur Zeit etwas anstrengend zu lächeln."
"Das habe ich schon immer als anstrengend empfunden.", meinte der Innenminister und schüttelte sein Kryptohandy. "Es ist nicht wasserdicht.", meinte er enttäuscht. "Verdammt. Ich brauche ein neues."
Barbara lächelte und wandte sich an Super-Clemens, der extra seinen Neopren-Superminister-Anzug trug. An strategisch wichtigen Punkten hatte der Anzug Reißverschlüsse, denn, wie Super-Clemens sagte, man muss ja gewappnet sein für jeden Angriff. "Also, diese Farbe steht Dir ganz wunderbar, Clemie."
Er strahlte. "Das ist auch extra auf meinen Teint abgestimmt. Ockergelb mit einem Hauch Grau. Und das Cape hier ist wasserdicht."
"Oh, unser Glamourboy kommt." Des Kanzlers wachsames Auge richtete sich auf Wellie.

Dauerwelle kam vorsichtig zum Whirlpool und ließ sich neben Barbara und Super-Clemens ins Wasser gleiten. "Sollte nicht Tag der offenen Tür sein?"
Super-Clemens seufzte. "Ach, ich war sowieso viel zu beschäftigt dafür. Und außerdem wollten diese furchtbaren Menschen doch tatsächlich gegen meine Pläne demonstrieren. Ich verstehe wirklich nicht, warum das Demonstrationsrecht nicht längst abgeschafft wurde."
"Na ja, fast wurde es das." kam es zufrieden vom Innenminister, der mit seinem Handyhalter in Form eines kleinen elektrischen Stuhls spielte, den er von der Justizministerin hatte. "Aber es gibt halt noch ein paar Ausnahmen, wir wollen es uns ja nicht mit allen verscherzen."
Wellie knabberte an einer Art Zuckerstange und Gesundheitsministerin Schmitz, von vielen nur "die dunkle Ursula" genannt, warf ihm einen vernichtenden Blick zu. "Das verursacht Karies." meinte sie warnend.
"Unsinn. Das hilft." Wellie zog es vor, nicht zu sagen, wogegen es half. Aber der Justizministerin war noch etwas anderes an ihm aufgefallen.

"Saaag mal, was ist denn das an Deinem Hals?" fragte sie gedehnt. Alle Augen richteten sich auf Wellie.
"Bröckmann saugt ihn aus." stellte der Kanzler fest.
"Scheint ja ein Power-Sauger zu sein." Der Innenminister runzelte die Stirn. "Von denen hört man immer so viel, die schädigen die Wirtschaft und die TK-Unternehmen. Wellie, pass auf, dass der Dich in nichts mit reinzieht. Nicht dass er mit Dir auf so eine Tauschbörse geht und irgendwelche Esel verkauft."
Wellie starrte ihn an. "Tauschbörse? Esel?"
"Jaja", sagte die Justizministerin aufgeregt. "da reden alle davon. Die Powersauger, die Tag und Nacht an anderen herumsaugen und sich mit "dem Esel" vergnügen, es scheint da ganze Sodomie-Zirkel zu geben."
"Brauchen wir ein SEK?"
"Nein, Oskar, brauchen wir nicht." Barbara ließ ihren Fuß an Super-Clemens´ Oberschenkel hinabgleiten. "Wichtig ist, dass Wellie von Henry ablenkt." Sie sah Dauerwelle erneut an. "Unternehmt ihr was zusammen ?"
"Heute Abend gibt es eine lange Nacht für den sexbesessenen Verschwörungstheoretiker im Kino."
Der Kanzler verschluckte sich fast an seinem Kognak, den Krass Alda für ihn hielt. "Wie bitte?"
"Na ja", meinte Wellie ein wenig verlegen. "es gibt 23, Fletchers Visionen, Staatsfeind Nummer 1 und natürlich 1984. Und davor halt einen Porno."

"Wie lang ist der Porno?" fragte der Innenminister interessiert und fragte sich, ob ein Besuch dieses Abends als Fortbildung oder als Undercover-Aktion galt und entsprechend vergütet wurde, doch als Wellie "23 Sekunden, wie lang sonst" antwortete, nahm er von der Idee Abstand. Er würde wohl schon wieder alleine in seiner Wohnung sitzen und sich Ausnahmezustand ansehen. Ach, dachte er betrübt, wenn doch nur endlich jemand sehen würde, dass ich noch voller Saft und Kraft bin. Er streichelte das Kryptohandy geistesabwesend.
Wellie biss auf die Zuckerstange und zuckte zusammen als ein stechender Schmerz durch ihn fuhr. Er hatte es nicht glauben wollen, aber es war so - sie griffen ihn an. Mrs. Law beobachtete ihn schräg. Natürlich bot Wellies Zusammensein mit Bröckmann eine Ablenkung, aber sie würde auf Nummer Sicher gehen. Ein verdeckter Ermittler musste her.
"Hat jemand daran gedacht, uns bei der heutigen Sitzung des Bürgerrechtsausschusses einzutragen?" fragte Super-Clemens. "Nicht, dass man uns das Geld vorenthält."
"Ich glaube manchmal, dass dieses Verhalten nicht so ganz lauter ist.", sagte Wellie ein wenig melancholisch und bei allen Anwesenden leuchteten die Alarmglocken. Sie versuchten Wellie umzudrehen, eindeutig. Bröckmann war gefährlicher als gedacht.

>> Blood and 'onor


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