Der Mann im grauen Overall

Titty ließ sich erschöpft gegen einen Stapel Kartons sinken. Dem Geruch nach enthielt er entweder eine Leiche oder eine Menge vergammeltes Gemüse. Den Maden nach konnte beides der Fall sein. Titty war allerdings zu geschafft, um wirklich angeekelt zu sein. Und ihr angeschlagener Geisteszustand zeigte sich auch hier, als sie, statt einfach aufzuschreien, darüber nachdachte, dass Maden bei anderen Völkern als Delikatesse galten - wie hierzulande beispielsweise Schnecken. Das Container-Luder neben einem Supermarkt-Container, dachte Titty. Wie passend.

Seit ihrer überstürzten Flucht aus dem Krankenhaus (welche sie noch nicht einmal richtig begründen konnte) war sie durch die Stadt gehetzt, als wäre ein Jugendschützer hinter ihr her. Schon bald hatte sie gemerkt, dass Leute nach dem Handy griffen, als sie vorbeikam, und hatte messerscharf geschlossen, dass man ihre Flucht bereits medial ausschlachtete und es eine Belohnung gab für jenen, der Hinweise gab. Das hatte dazu geführt, dass sie einem Obdachlosen die filzige Mütze klaute und einer Frau die Tüte einer Nobelboutique. Schnell schmiss sie die Belegkirschen zur Seite und ließ den Arztkittel in die nächste Mülltonne sinken. Mit Strickmütze, engem Paillettenkleid und noch dazu barfuß erschien sie den Leuten nur wie eine Gestörte, aber keinesfalls wie das bekannte Luder aus "Suppa Biggy Brotha". Den letzten Tag hatte sie damit verbracht, sich in dunklen Gassen herumzutreiben. Interessanterweise hatte sie festgestellt, dass das, was die Leute anzog, wenn man sie kannte, die Leute abstieß, wenn man sie nicht kannte. Es schien also nicht nur darauf anzukommen, wie man pinkelte, es kam scheinbar auch darauf an, wer es tat. Früher hatte sie pro Pieseln 100 Euro im Film bekommen, jetzt drohte man mit der Polizei.

Titty stieß sich von den Kartons ab. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie gehen sollte, sie kannte ja kaum Leute; und die, die sie kannte, würden sie sofort wieder zu SBB schicken oder zumindest Didiér Hupf- Dohlen anrufen. Titty wusste, dass sie nur eine Chance hatte, wenn sie sich von allen Trendlokalen etc. fernhielt. Sie tauschte bei einem Betrunkenen einen Blow-Job gegen seine Jacke und beim Nächsten einen Blow-Job gegen einen Zehner. Wenn sie so weitermachte, hätte sie bald genug Kohle, um die Hauptstadt zu verlassen.

Titty kaufte sich eine Flasche Billigsekt und ein heruntergesetztes belegtes Brötchen, setzte sich in den Hinterhof einer Kneipe und begann zu essen, als sie plötzlich ein Surren hinter sich hörte. Sie drehte sich um. Ein Mann auf Inline-Skaters fuhr in ihre Richtung. Er trug einen grauen Overall, ein seltsames Kästchen in der Hand, und er sagte nur ein Wort zu ihr: "Ausziehen!"

>> Titty, bei Dir piepts


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