At the Gay Bar

"Was ist denn?" Guiseppe schlug elegant die Beine übereinander. "Ihr schaut so indigniert."
Niemand schaute nur entfernt indigniert, im Gegenteil, aber Guiseppes Zielgenauigkeit, was Fremdwörter anging, ließ sich am besten mit einem Taumelkäfer in vollem Tempo vergleichen.
"Guiseppe, mein lieber Freund-", begann der Kanzler, und Dauerwelle zuckte zurück, als habe er schlechtes Parfum gerochen.
"Henry ist noch nicht wieder da, und dieser Enthüllungsjournalist will mit ihm reden. Also benötigen wir eine Ablenkung."
"Eine sexy Ablenkung," ergänzte Barbara mit vielsagendem Lächeln.
"Oh nein!" Dauerwelle hob abwehrend beide Hände. "Nur weil ihr die Quotenheteros gebt, gebe ich mich nicht zum Abschuss frei."
"Ach, ich bitte Dich! Die Leute wissen, dass Du schwul bist, da wird ihnen der Rest auch nichts ausmachen."
"Dein Vaterland zählt auf Dich."
"Übrigens frage ich mich, warum es Vaterland und Muttersprache heißt," nörgelte Barbara.
"Das ist doch jetzt völlig egal." Der Kanzler sprach ein Machtwort. "Also, Wellie - treff Dich mit dem Journalisten in einer Bar und zieh was Legeres an." Damit entließ er die Runde.

"Danke, dass Sie Zeit haben." Michael Bröckmann zog langsam an seiner Zigarette. "Der Finanzminister ist also nicht da..."
Guiseppe Wellie strich sich über seine enge Glitzerhose und das schwarz-rot-goldende Suspensorium. "Ach, wir sind alle sehr beschäftigt," meinte er und litt innerlich Höllenqualen. Er fühlte sich wie ein Überbleibsel aus der Glam Rock Ära in dieser Hose, dem fast bis zum Bauchnabel ausgeschnittenen, engen Latexshirt und den Plateauschuhen. Aber Oskar hatte gemeint, er hätte sich informiert - einer seiner Freunde wüsste genau, wie man den typischen Bi- bis Homosexuellen darstellt. Ein junger Mann in engem schwarzen Lederhöschen ringelte sich an einer Art Feuerwehrstange entlang, während ein anderer, der an Heino erinnerte, die Getränke brachte.
Bröckmann nickte und holte sein Diktiergerät und den Block hervor.

"Was mich persönlich interessiert: Wie sind eigentlich Ihre Kontakte zum israelischen Geheimdienst?"
Wellie verschluckte sich fast an seinem Sekt. "Ja, also-", begann er, doch Bröckmann feuerte schon die nächsten Fragen ab.
"Wie sieht es mit den Saudis aus? Ist unsere finanzielle Misere im Zusammenhang mit den Illuminaten zu sehen? Wird es auf den neuen Euronoten eine Pyramide geben? Und warum hat der Finanzminister die tylurchwahl 2323?"
Wellie begann zu schwitzen, er fuhr sich nervös durch seine Haare. "Also, ich weiß nicht, ich meine-"
"Sie scheinen nicht antworten zu wollen." Bröckmann, sichtlich zufrieden, suchte seinen Notizzettel. "Warum ist der Abfluss im Bad noch nicht repariert?"
"Pardon?"
"Sorry, falscher Zettel." Bröckmann wühlte in seiner voluminösen Tasche und förderte endlich den richtigen Zettel zutage. "Gibt es Verbindungen zwischen dem Finanzminister und dem geheimnisvollen 23. Hacker?"
Wellie hatte seinen Sekt ausgetrunken und orderte nun vorsichtshalber gleich einen dreistöckigen Whisky. Lederhöschen ringelte sich noch immer unter lauten Uuuuhs und Aaaaahs die Stange entlang, das Suspensorium juckte, und so kam es, dass Wellie schließlich nach einem erneuten Fragenfeuerwerk traurig in seinen dritten Whisky starrte und leise sagte: "Ach, wissen Sie... ich... ich gebe ja zu, dass ich nicht viel weiß von der Politik, aber ich fühlte mich eben einsam und-", er brach ab.

Bröckmann malte mit einem Strohhalm eine 23 in den Schaum seines Guinness. "Ich weiß, was Du meinst..." flüsterte er und lächelte Wellie an.
Dauerwelle riss die Augen weit auf. "Wirklich?", hauchte er zurück.
"Und ob, Wellie...", Bröckmann schloss seine Tasche. "Ich glaube, die Illuminaten missbrauchen Dich. Gedankenkontrolle und so. Aber vielleicht kann ich Dir ja helfen." Er spielte mit einer Strähne von Wellies Haar. "Ich finde Dich nämlich sehr niedlich."
Wellie schloss die Augen. Er fühlte sich irgendwie komisch, aber endlich auch angenommen. Um ihn herum klickten die Kameras, als Bröckmann ihn mit den Worten "Wir werden nicht zulassen, dass Du in diesen Sündenpfuhl aus Korruption, Geheimdiensten, Illuminaten und Brot essenden Kampfsternwerfern gerätst." an sich riss und küsste.

>> Banane-Kirsch für Titty


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