Wer zahlt schon Lösegeld für einen Finanzminister?
"Sie haben ihn entführt." Clemens blickte bestürzt, fing sich aber wieder. "Das ist ein Job für mich." Er warf sich in Positur. "Immerhin bin ich hier als Krisenexperte bekannt."
"Na ja..." Barbara warf ihm einen schrägen Blick zu. "Bisher hat sich da aber noch nicht viel getan, seitdem Du Superminister bist."
Clemens zuckte nur die Schultern. "Es hat eben nicht jeder den Überblick. Und ich gebe mir immerhin Mühe, während Du Deine Zeit mit irgendwelchen Chatrooms vergeudest."
"Das ist der Dialog mit dem Bürger, den ich pflege."
"Ach, Unsinn! Als ob wir den außerhalb des Wahlkampfes bräuchten." Gerhard lehnte sich bequem zurück, zog wieder an seiner Zigarre und brütete vor sich hin. "Also, was tun wir jetzt, wie gehen wir vor?"
"Wir könnten uns einen Film ansehen." Guiseppe lächelte. "Gestern haben sie ein paar von diesen DVD-Freibeutern hopsgenommen, also können wir es uns gemütlich machen, Bier ist noch im Kühlschrank, und ich könnte ein paar Snacks organisieren.
"Ich meinte eigentlich in Bezug auf Henry."
"Henry... Ach ja." Die Expertenrunde verfiel in besorgtes Schweigen.

"Wäre ein Sondereinsatzkommando notwendig?" fragte der Innenminister schließlich und holte sein neues Kryptohandy hervor, auf das er besonders stolz war, weil er es als Zeichen von Macht und Männlichkeit betrachtete.
"Solange wir nicht wissen, was mit Henry passiert ist?" Clemens schüttelte den Kopf. "Wir müssen Panik in der Bevölkerung vermeiden. Wichtig sind die Daten.
"Sind die nicht verschlüsselt?" fragte der Innenminister und sandte einen scheuen Blick zur Justizministerin, die mit entschlossener Miene an der Leinwand lehnte.

"Schlüssel? Du meinst, er hat die Schlüssel zum Kanzleramt mitgenommen?"
"Und zu unseren privaten..." Guiseppe wagte es nicht auszusprechen. "Ich denke, wir haben überall Chipkarten."
"Ich meine die Daten... die Haushaltsdaten." präzisierte der Innenminister. "Ich nehme doch mal an, diese sind verschlüsselt. Dann würden sie nicht viel nutzen."
"Es sei denn, einer dieser Flips bekommt die Daten." hauchte Barbara.
"Flips?" Guiseppe runzelte die Stirn.
"Sie meint Kräcker."
"Kräcker? Ich denke, die heißen Hacker."
"Egal... wenn einer dieser Cyberkriminellen nun die Daten von Henry bekommt..."

Der Kanzler übte sich in Besonnenheit, auch wenn es ihm schwer fiel angesichts der Tatsache, dass er an Chantal, seine Zigarre und ihr Sahnetöpfchen dachte.
"Also, eine Lösegeldforderung ist nicht eingegangen?"
"Lösegeld?" Barbara verdrehte die Augen. "Ich bitte Dich, wer zahlt denn schon für einen Finanzminister? Ich meine, hätten wir für so etwas überhaupt eine außerplanmäßige Ausgabe im Haushalt vorgesehen?"
"Das könnte unter Sonstiges laufen, darunter buche ich auch meine Chantal- Ausgaben," gab Kanzler Gerhard bereitwillig Auskunft. "Kein Problem."
"Ich zahle nichts." Clemens zog sein Cape zurecht. "Aber ich würde ihn retten."
"Dann wäre das ja geklärt." sagte Gerhard zufrieden und nahm sein Handy. "War sonst noch etwas, was wir besprechen müssten?"
"Wir warten also ab?" Der Innenminister sah enttäuscht aus. "Ich hatte gerade eine Krisenansprache geplant."
"Wir warten ab." Der Kanzler sprach das Machtwort, und die Runde verließ den Raum.

>> Ein Virus! Schließt die Türen


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