Der Kanzler legt die Zigarre fort

"Sind alle anwesend?" Suchend sah sich Gerhard Schmitz in dem kleinen Raum um. "Vielleicht sollten wir durchzählen?"
"Durchzählen? Wir sind doch nicht beim Militär." Guiseppe Welli, von allen auf Grund seiner Affinität zu eleganten Frisuren nur Dauerwelle genannt, seufzte ein wenig affektiert.
"Meine Güte, Gerhard, zu dieser Sitzung sind genau zehn Leute eingeladen. Sieht es so aus, als wären hier zehn Leute anwesend?"
Gerhard fuhr sich durch sein Haupthaar und runzelte die Stirn. "Ich bin weiterhin für Durchzählen," meinte er stur.
"Ich auch". Clemens Wolfgang, einer der engsten Vertrauten des Kanzlers und zudem Wirtschaftsminister, nickte. "Ich tue mich mit Schätzungen und Zahlen sehr schwer und-
"Von mir aus, zählen wir eben durch," unterbrach ihn der Parteivorsitzende Franz Schildhammer und nickte dem Kanzler zu. "Zählen wir durch, Gerhard. Also, ich bin die Nummer 1".
"Die will ich aber sein." murrte Clemens, ein etwas hagerer Typ, der sich noch nicht mit seiner Rolle als Superminister anfreunden konnte, seit er erfahren hatte, dass er dennoch kein rotes Cape in der Öffentlichkeit tragen durfte. Wenigstens bei Sitzungen bestand er allerdings darauf, er hatte sogar ein goldenes Logo für sich entworfen.
Franz seufzte und strich seine etwas üppigen Augenbrauen zurecht. "Von mir aus."
"Nummer 1," sagte Clemens zufrieden.
"2" - Franz strich noch immer die Brauen zurecht, das brauchte Zeit.
"3" - das kam von Guiseppe Wellie.
Dann herrschte Schweigen.

"Zähle ich eigentlich mit zu den zehn Eingeladenen?" fragte Gerhard plötzlich. "Ich meine, dann wäre ich ja Nummer 4. Das müssen wir bedenken. Sonst wird das Ergebnis verfälscht."
"Du hast eingeladen". erinnerte ihn Clemens. "Also denke ich, Du bist außen vor oder so. Aber ich bin mir nicht ganz sicher."
"Stimmt schon", lautete die burschikose Erwiderung Schildhammers.
"Gut. Dann fehlen also noch welche." Gerhard setzte sich in seinen Sessel, den er in Hollywood-Manier mit seinem Namen und der Aufschrift Kanzler in Goldbuchstaben hatte ausstatten lassen. Dann kann ich ja noch telefonieren.

Er tippte auf die Taste, auf die ihm Thomas vor kurzem erst eine Nummer gespeichert hatte und, wie immer, vergaß er, den Lautsprecher auszustellen, so dass die Stimme seiner französischen Freundin durchs Zimmer schwebte.
"GerŽard... wie Žübsch-" Der Rest wurde verschluckt, weil Gerhard endlich den Lautsprecher abgestellt hatte. Es war aber nicht schwer zu erraten, was GerŽards Chantal so fragte, denn der Kanzler nahm eine seiner teuren Zigarren aus dem Etui und zog sehr, sehr langsam die Zellophanhülle ab.
"Ich habe gerade meine Zigarre ausgepackt, Cherie. Und sie fühlt sich verdammt fest und gut an. Und sie ist verdammt dick, Cherie."
"Hm..." meinte Guiseppe Wellie leise, dennoch konnte man eine gewisse Verschnupftheit nicht überhören. "Ich denke doch, dass die Zigarre so dick nun doch nicht ist."
"Du musst es ja wissen." bemerkte der Parteivorsitzende süffisant.
"Nicht schon wieder diese Schwulendebatte." Guiseppe seufzte theatralisch.

Auch Clemens seufzte. Er hoffte, dass wenigstens Edeltraud bald den Raum betreten würde, die Bildungsministerin, eine der wenigen Frauen hier und nicht so eine Zicke wie die Justizministerin oder die Umweltministerin. Dass sich Weiber, wenn sie schon in die Politik gehen mussten, auch immer gleich in totale Emanzen verwandelten! Als wenn es keine sexy Politikerinnen geben dürfte, die ihre Antrittserklärungen in einem engen Kleid sprachen. Er mochte Edeltraud zwar nicht besonders, aber sie hatte wenigstens einen hübschen Busen.

Seine Hoffnung erfüllte sich allerdings nicht, denn stattdessen betrat der Innenminister den Raum, wie immer in einen neuen teuren Anzug aus feinstem Stoff gehüllt. Können wir? Ich hab noch eine Menge zu tun, denn unsere Straßen sind noch immer nicht sicher und-
"Psssssst." Guiseppe deutete auf den telefonierenden Kanzler, der jetzt gerade dröhnend lachte und "ja, ich wünschte mir auch, ich könnte jetzt in Deiner Kaffeetasse rühren..." säuselte.

Es war also alles in allem eine völlig normale Gesprächsrunde von Ministern und Kanzler unter sich. Bis zu dem Moment, als Barbara hereinkam. Barbara hatte im Zuge der informationellen Selbstbestimmung und der Namens- und Identitätsfindung per Gerichtsbeschluss erwirkt, dass sie als Justizministerin mit Mrs. Law abgesprochen (was damit zu tun hatte, dass ihr Nachname Koripher gerne auf Grund der ihr vorgeworfenen Inkompetenz als Konifere verunglimpft wurde, was bei ihr prämenstruelle Syndrome hervorrief) wurde, und normalerweise war sie seitdem recht gut gelaunt. Heute allerdings schien sie außerordentlich mürrisch.

Clemens tippte auf eine Bürgersprechstunde oder einen Onlinechat als Grund für die Miene, bis Barbara sich gegen die riesige Projektionsleinwand lehnte (auf der wahlweise Statistiken oder aufreizende Filme gezeigt wurden, je nachdem, ob Barbara dabei war oder nicht) und mit Grabesstimme verkündete, dass es ein Problem gab. Ein schwerwiegendes Problem. Sogar GerŽard legte sein Handy beiseite, und Barbara sagte langsam und unheilsverkündend: "Henry ist verschwunden." Und da das alleine noch niemanden interessiert hätte, auch wenn Henry der Finanzminister war... "Und mit ihm ein ganzer Aktenkoffer voller Haushaltsdaten. Der echten Haushaltsdaten. Der Kanzler legte seine Zigarre fort, "Alarmstufe Rot!"

>> Wer zahlt Lösegeld für einen Finanzminister?


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