Angst vor Mutter Courage

Es gab eine Zeit, da lebte ich unbekümmert. Die einzige Sorge, die mich umtrieb, war die Frage danach, welchen Spaß der nächste Tag wohl bringen könnte und - welcher Mann aus unserer Kleinstadt für mich bestimmt sein würde, um eine Familie zu gründen und mich im selbstgebauten Nest so richtig zuhause fühlen zu können. Mein Ehegatte würde mich auf Händen tragen, ich würde ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen, und unsere Kinder würden im Wohlstand und in der kindlichen Unbeschwertheit sonniger Tage auf dem Land heranwachsen und die wohlerzogenen Nachkömmlinge eines edlen Stammbaum sein, die von der Gesellschaft von uns erwartet wurden.

Doch daraus wurde nichts.

Das mit der Familiengründung funktionierte irgendwie nicht, Gott weiß, warum. Also akzeptierte ich meine Berufung zur Karrierefrau und gab mein Bestes mit meinen atemberaubend langen blonden Haaren im kleinen Schwarzen auf all den internationalen Dinnerparties - und im grauen Kostümchen und Hochsteckfrisur auf den Meetings und Videokonferenzen dieser Welt.

Hätte ich eine Familie und Kinder gehabt, sie wären nicht in der idyllischen Geborgenheit verankert gewesen, die ich für so wichtig halte, um einen gesunden, starken Charakter zu entwickeln. Die rauhen Seiten des Lebensozeans kommen früh genug, doch bis dahin hätten sie unbekümmert spielen sollen - mit dem, was die Natur, Landschaft und unser großer Garten hergegeben hätte. Sie hätten "heimlich" Bunker unter den Gemüsebeeten gebuddelt, gut abgestützt mit alten Brettern aus dem Holzschuppen und mit alten, weichen Teppichen ausgelegt und gemütlich gestaltet. Sie hätten sich dort versteckt, wenn es Zeit zum Mittagessen gewesen wäre, und sie hätten ihren Spaß daran gehabt, dass ich sie einfach nicht hätte finden können - ihr fröhliches, nur mühsam unterdrücktes Gekicher in meinem Ohr, das mir ein zufriedenes Schmunzeln auf die Lippen gezaubert hätte. Mickey, unser Mischlingsrüde, hätte sie dann irgendwann aufgestöbert, wenn das Spiel ihnen selbst langweilig geworden wäre...
Mein Mann hätte seine Freude daran gehabt, mit glücklichen, erfüllten Augen über seiner - unserer - Familie zu wachen, und wir hätten mit Stolz daran gearbeitet, unsere Sprösslinge zu intelligenten, denkenden, unauffälligen und guten Menschen und Bürgern zu erziehen. Doch daraus wurde nichts.


Heute lebe ich auf einer Südseeinsel vor mich hin, fernab von dem Trubel der Touristenzentren, habe Ruhe, Grün und das türkisblaue, absolut klare Wasser des Meeres, das sich an einem schneeweißen Strand zu einem kleinen Schlummer niederlässt, direkt vor der Tür meiner bambus- und palmengeschmückten Hütte. Ein Traum für jeden, den ich jemals kannte. Mein Leben ist jetzt so anders als noch vor acht Jahren. Wer hätte das gedacht? Heute kann ich das unberührte, freie Dasein in diesem Paradies nicht mehr recht genießen, denn der Preis dafür war hoch: er kostete mich mein bisheriges Leben.



Erinnern.... Mein Leben als erfolgreiche Businessamazone war nicht wirklich erfüllte. Als ich zwischen zwei lukrativen Jobs eine paar Monate Urlaub auf den Bahamas machte, hatte ich mich dem Thema meiner Jugend wieder zugewandt, und plötzlich kamen all die kleinen Bilder geistig vor meine Augen, die ich bis dahin offensichtlich sehr erfolgreich verdrängt hatte. Die perfekte Integration des Individuums in die Gesellschaft hatte es möglich gemacht.

Wir vier minderjährigen Kinder hatten, als unsere Eltern uns verließen, eine Heidenangst, dass unsere Nachbarn uns beim Jugendamt verraten könnten und wir dann in ein Heim gesteckt werden könnten. Das war unsere größte Sorge, und um diese für uns so schreckliche Gefahr zu bannen, hatten wir eine ganze Litanei an Ausreden parat, warum man unsere Eltern so selten zu sehen bekam: Sie hatten Nachtdienst, sie hätten ein Geschäft gegründet und kämen Abends meist erst spät nach Hause, sie wären da gewesen, aber schon frühmorgens wieder zu neuen Kundenterminen aufgebrochen... Es klappte, auch wenn ich das heute selbst kaum noch zu glauben vermag.
Als Studentin erinnere ich mich an den aufdringlichen Typen, der eines Tages vor der Tür unserer WG stand, einen Fuß in unsere Haustür klemmte und dreist Einlass forderte - um zu überprüfen, ob wir tatsächlich keinen Fernseher hätten, den wir bei der GEZ hätten anmelden müssen. Zum Glück ärgerte mich das sogar damals schon, in meiner angepassten und unkritischen Phase, so sehr, dass ich meinte, er solle mit einem Hausdurchsuchungsbefehl wieder kommen, das wirkte - und ich fühlte mich zum ersten Mal richtig cool.
Als Leiterin der Studentengruppe erinnere ich mich, als uns von übergeordneter Stelle vorgeschrieben werden sollte, dass ein bestimmtes Pärchen - die auch heute noch sehr glücklich verheiratet sind - nicht befreundet sein dürfe, weil es den Überzeugungen des Vereins widerspräche. Wir haben damals eine Krisensitzung einberufen, das Thema heftig diskutiert, denn auch in der Gruppe gab es unterschiedliche ethische und philosophische Ansichten. Doch die beiden Betroffenen blieben glücklicherweise ein Paar.

Bei einer der ersten Arbeitsstellen erinnere ich mich noch sehr gut, wie der mir gleichgestellte Leiter der anderen Abteilung meine Arbeit ausspionieren ließ durch Kolleginnen und Kollegen, um sich selbst endgültig an die Spitze des gesamten Unternehmens zu setzen. Zum Glück hielten Tristan und Alf zu mir, zwei Menschen, die ich schon allein deswegen nie vergessen werde.
Bei einer anderen Arbeitsstelle erinnere mich noch bestens, wie mir der Geschäftsführer, mit dem ich eng zusammenarbeitete, da mir die inhaltliche Leitung des Unternehmens oblag, in einem ruhigeren Augenblick in der Stille des Büros nach Feierabend einen Brief unseres Chefadministrators vorlegte, in dem dieser aus dem eMail-Verkehr zwischen dem Geschäftsführer und mir zitierte und versuchte, uns beide damit mehr als nur anzuschwärzen beim Vorstand. Zu unserem Glück hatten wir beide einen sehr guten, stabilen Draht zu den Vorstandsmitgliedern und wir alle wussten, was unsere Arbeit wert war. Ab diesem Tag nahm ich an, dass die Rolle der Karrierefrau wohl das richtige für mich sein musste...

Nach einer weiteren schöpferischen Arbeitspause erinnere ich mich noch daran, dass ich selbst überrascht war, wie stabil Kontakte sind, die man einmal aufgebaut und gepflegt hat. Zuvor hatte ich die Bedeutung nicht erkannt, denn ich wollte immer alles aus eigener Kraft schaffen. Ich war schwer beeindruckt. Doch das Problem war, dass es darunter auch ein paar gab, die ein Doppelleben führten. Das zeigte sich erst sehr viel später, als ich den Mut hatte, mich zu fragen, warum wir Kinder uns hinter Lügen verstecken mussten, warum der GEZ- Mann bestens informiert war darüber, wo wir wohnten und dass wir vermutlich ein nicht angemeldetes Fernsehgerät besaßen, warum man einer ganzen Gruppe vorschreiben konnte, wie sie ihren Lebensstil zu führen hatte, wie gefährlich ein allzu machtbesessener "Kollege" sein kann und dass eMail-Kommunikation ohne Schutzmaßnahmen existenzielle Folgen haben kann.



Erkennen.... Ich erkannte, dass diese "heile" Welt da draußen nicht nach dem einfachen Strickmuster funktionierte, das die meisten von uns unbewusst im Hinterkopf gespeichert haben. Nein, es gibt Kontrolle, viel mehr Kontrolle, als wir wissen wollen: Die inzwischen unzähligen Videokameras in öffentlichen Verkehrsmitteln, in der U-Bahn, auf dem Marktplatz, die vielen Kreditkarten aller Art, deren Kontobewegungen so gut Aufschluss über das Leben geben, das man als Privatperson führt, der Datenaustausch unter den Behörden, die digitalen Fahndungsakten der "Schutz"behörden, die längst international ausgetauscht und verwendet werden, die Einführung von Fingerabdrücken an den Flughäfen, die Einforderung von Genproben bei unschuldigen Menschen zur Aufklärung von - manchmal nur vermeintlichen - Sexualstraftaten, den RFID-Chip als Implantat zum Auffinden von verlorengegangenen Kindern, Hunden und Senioren und als bequemes Zahlungsmittel in Vergnügungsstätten, die endlich - endlich! - den Geldfluss in harter Währung überflüssig machen. Meilensteine der Wissenschaft und der gesellschaftlichen Entwicklung. Mir machte das Angst.
Ich wollte mein Leben unbeschwert, glücklich und vor allem selbstbestimmt und frei leben, doch das schien mir immer unmöglicher zu werden. Also begann ich, für mein Recht, das jedem von uns das Grundgesetz bis heute zusichert, zu kämpfen:



Wehren.... Eines Tages konnte ich einfach nicht mehr länger zusehen, wie das in unserer Gesellschaft läuft. Und ich habe an der Stelle, die ich am kritischsten fand, begonnen, mich zu wehren. Ich wollte nicht Rache üben oder mich selbst profilieren, und das habe ich auch nicht getan. Ich wollte dem bunten, ungenierten Treiben mit mir als Person aus Bits und Bytes Einhalt gebieten, und das habe ich getan. Oh nein! Ich habe keine Bomben geworfen, oder gar Leute persönlich bedroht. Nein. Ich habe lediglich angefangen, erst meine Mitmenschen, mit denen ich direkt in Kontakt stand, und wenig später auch die ganze Gesellschaft - soweit die Leute zuhören wollten, statt ihren Kopf weiterhin in den hellen, warmen Sand der "heilen Welt" zu stecken - über die Chancen und Risiken der modernen Technik, sofern sie nicht sinnvoll definiert und, wo nötig, eingegrenzt wird, aufzuklären.

Christopher-Marie hat mich damals eindringlich auf die Konsequenzen hingewiesen, die es haben würde, wenn ich tatsächlich die Courage finden würde, selbst nur sachlich die Fakten auf den Tisch zu bringen. Das habe ich mir sehr zu Herzen genommen und lange Tage und Nächte darüber nachgegrübelt, ob Mutter Courage und all die anderen, die sich für ihre Rechte einsetzten, entweder dumm, verzweifelt, manisch depressiv, lebensmüde oder eine Mischung aus all dem waren. So oft ich auch dachte, die Lösung in einer dieser Alternativen gefunden zu haben, kam doch immer wieder dieses brennende Bedürfnis in meinem Herzen hoch, meine Mitbürgerinnen und Mitbürger zu warnen. Ich konnte nicht akzeptieren, dass alle in einer konstruierten Welt leben wollten, die sie entmündigte und auf so unmenschliche Arten demütigte. Sie sollten wissen, was mit ihnen passierte und noch passieren würde, bevor es endgültig zu spät sein würde. Und doch, Christopher-Maries Rat habe ich mir sehr zu Herzen genommen.


An einem einzigen regnerisch-kühlen Sommertag haben viele, wirklich sehr viele Menschen mit der Flut von Informationsblättern, die ich in der Zeit meiner offiziellen Aktivität geduldig vorbereitet und vervielfältigt hatte und an diesem Tag auf den Markt werfen konnte, einen neuen Blickwinkel für die Dinge bekommen, die ihr Leben bisher immer mehr bestimmt hatten. Es war von langer Hand vorbereitet, und die objektiven Informationen über RFID, (nicht) praktizierten Datenschutz, Biometrie und ein paar einfache Szenarien des "gläsernen Menschen" überschwemmten die Gesellschaft an diesem einen Tag völlig unvorbereitet und unangekündigt in einer Millionenauflage. Wie eine Bombe schlug die Aktion ein - und traf viele, die ihre bisherige Unkenntnis hinter dem Argument "keine Zeit" versteckt hielten. Dieser Tag hatte positive Konsequenzen, vor allem wurde die Novellierung Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) endlich realisiert, das Telekommunikationsgesetz (TKG) samt flankierenden Bestimmungen wurden den neuen Datenschutzanforderungen angepasst.


Am selben Tag starb ich.



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