Cindyherselfs 6. Brief an einen Engel
Hallo mein lieber Engel,

viel gäbe es zu erzählen, vieles Dir zu schreiben, doch die Zeit ist ein arger Widersacher - oder eine allzu gute Ausrede, Dinge nicht zu tun, die einem wohl wichtig sind, aber irgendwie - wenn auch unbewusst - auch verdrängenswert scheinen. Deshalb packe ich die Gelegenheit gleich jetzt beim Schopf und schreibe, was mich bewegt.

Es ist die Einsamkeit, die heute Thema sein soll. Die Phase, mir zu überlegen, ob ich wohl chronisch (manisch klingt so horrormäßig) depressiv werde, weil ich mir Gedanken mache, habe ich inzwischen weitestgehend hinter mir. Meine Antwort auf diese Art Fragen lautet: man ist nicht krankhaft depressiv, wenn man sich den bohrenden Fragen stellt, die in Kopf oder Herz zweifelsohne irgendwann nach oben ins Freie streben. Das ist nur allzu menschlich. Und mutig ist es, diese Fragen herauszulassen, auszusprechen und sich ihnen tapfer zu stellen - ungewiss, ob man sie beantworten und damit besiegen können werden wird.

Wir haben in der einen Hälfte unseres Clans eine komische Familientradition in unserem "Stamm": jeder kümmert sich nur um seine eigene Kernfamilie, alles, was darüber hinaus geht, wird geduldet, aber nicht wirklich geliebt - zumindest nicht in Taten. Eher passiert es, dass man sich plötzlich als Ausgestoßener wiederfindet, ohne Grund, ohne Anlass und meist nur deshalb bekannt, weil ein au&slig;enstehender Dritter das erfahren hat und so ehrlich ist, das einem mitzuteilen. Andererseits gibt es auch bei uns die schwarzen Schafe. Allerdings in zwei Gattungen: die einen, das _sind_ die wirklich schwarzen Schafe. Denen wird alles verziehen und sie dürfen heimkehren in den würdigen Schoß der Familie. Die anderen sind diejenigen, die sich ihr Leben lang für die Großfamilie engagiert und abgerackert haben, irgendwann damit aufgehört haben, weil es zu viel Kraft gekostet hat und es niemand zu schätzen wußte. Sie werden ab dem Zeitpunkt, wo sie aufhören zu dienen, demütig alles als Wahrheit zu nehmen, was ihnen diktiert wird und ihren eigenen Weg zu finden, vom Rest des Clans als "schwarze Schafe" _bezeichnet_ - sind es aber in Wahrheit wohl kaum.

Die Kunst ist, das eine vom anderen zu unterscheiden, besonders, wenn man selbst betroffen ist von dieser Klassifizierung. Denn dann geht es plötzlich nicht einmal mehr darum, von der eigenen Familie geachtet und geliebt zu werden, sondern es geht darum, sich vor ihrem unbarmherzigen Urteil zu schützen, so gut es eben gehen mag.

In der Praxis bedeutet das leider, dass man als Einzelkämpfer seinen Weg finden und gehen muss, dass da kaum jemand ist, der einem die Hand reicht, wenn man fällt und sich verletzt hat, dass da keiner ist, der wirklich wissen will, wie es einem geht und was einen bewegt. Doch so trivial, wie hier beschrieben, geht es nicht ab - auch nicht bei allen Moral- und Wertevorstellungen, in die man offensichtlich nicht passt:

Am Ende bleibt man den Rest seines Lebens der Verstoßene, der im Grunde nichts getan hat, außer sein Leben in die Hand zu nehmen und zu gestalten.

Am Ende bleibt man der, der liebt - aber nicht geliebt wird.

Am Ende bleibt man einer der modernen Singles, die in ihren Einmann-Haushalten leben, so gut es eben geht und die mit der Papiertücherbox auf den Knien bei jedem Film im Fernsehen in Tränen ausbrechen, der sie in irgendeiner Art und Weise daran erinnert, dass sie im Endeffekt allein und ungeliebt waren, sind und wohl auch bleiben werden.

Leben heißt, zumindest so stark zu werden, zu sein und zu bleiben, dass man niemandem mehr so viel Macht über sich gibt, einem das eigene Leben zu verderben.

Am Ende bist Du allein - oder nicht mehr Du selbst.

Be blessed.

Deine Cindyherself.


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