Cindyherselfs 4. Brief an einen Engel
Hallo mein lieber Engel,

Neuanfang - und doch vielleicht der Anfang vom Ende. Bereits bei der Geburt beginnt das Leben, sich dem Ende zu zu neigen. Doch was ist das Ende? Was wird sein? Ist es nur der Übergang in ein anderes Leben, "wechseln wir nur das Kleid", wie Juliane Werding in einem ihrer Lieder singt? Mir macht der Gedanke im Moment eher Angst.

Die Glaubenszusagen der Bibel, dass der Tod der Beginn des ewigen Lebens ist und Berichte über totnahe Erfahrungen beruhigen nicht wirklich in einem Augenblick, wo man vor der Wahl steht, sich den - noch nicht genau definierten - Tatsachen zu stellen - oder den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass man leben wird.

Wenn man Dir sagt, dass Du Krebs hast - vielleicht sogar schon im fortgeschrittenen Stadium, dann wird sich ab diesem Augenblick Dein ganzes Leben verändern. Alles, was zuvor da war, wird wie im Nebel verschwinden. Was wichtig war, wird seine Bedeutung verlieren, weil Du nicht mehr die Zeit haben wirst, es zu erleben, zu genießen. Andere Dinge werden Dich beschäftigen: Wovon sollst Du die Kosten für Deine Beerdigung aufbringen? Wie solltest Du Deinen Nachlass regeln, damit Du diejenigen, die Du zurücklässt, nicht allzu sehr belastest mit Deinen Angelegenheiten. Zu holen ist da ja eh nichts, was für sie den Aufwand lohnen würde.

Würdest Du es also wissen wollen, was Deine Diagnose ist? Welches ist das bessere Teil, das man erwählen kann? Die Zeit, die übrig bleibt, intensiv erleben, in der Ahnung, dass jeder Tag der Letzte sein kann? Oder würdest Du so schnell wie möglich Deine Diagnose - samt Vorhersage, wie lange Du noch Zeit hast - haben wollen? Was zugleich bedeuten würde, dass Du Dein Leben nicht mehr wirklich leben kannst, weil Du Dich vielen und endlosen und quälenden Therapien unterziehen müsstest. Vielleicht so lange, bis Du Deinen letzten Atemzug getan hast. Was würdest Du tun? Dich "stellen" oder "leben"?

Wenn ich jemals eine solche Diagnose bekommen sollte, dann wünsche ich mir Freunde, die mich (er)tragen in den letzten Tagen und Wochen und Monaten, die mir bleiben. Ich wünsche mir, dass sie mir von ihrer Kraft geben, das Leben noch zu erleben, die Schönheit der Welt zu sehn, in mich aufzunehmen. Ich wünsche mir einen Mann an meiner Seite, der mich genau dann nicht fallen lässt. Einen starken Ritter, der mir beisteht, der all seinen Mut zusammen nimmt, um mich bis an die Pforte zu begleiten. Er soll sagen können, dass wir gelebt haben. Und dass es eine wundervolle, erfüllte Zeit gewesen ist, die wir miteinander hatten. Und er soll nicht um mich weinen müssen, weil er weiß, dass ich ihn begleiten werde. Tote haben andere Möglichkeiten, von denen wir Menschen in unserer fleischlichen Hülle nicht viel wissen....

Be blessed.

Deine Cindyherself.


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